• Vorlesen
  • A A A

Öffentlichen Anhörung der Enquetekommission „Pflege in Baden-Württemberg zukunftsfähig und generationengerecht gestalten“

Die Stellungnahme des Verbands der Privaten Krankenversicherung zur öffentlichen Anhörung der Enquetekommission „Pflege in Baden-Württemberg zukunftsfähig und generationengerecht gestalten“ am 24. Juli 2015 im Stuttgarter Landtag:

  • Die Zahl der Pflegebedürftigen wird sich in den nächsten 45 Jahren annähernd verdoppeln. Zugleich sinkt die Zahl der Erwerbstätigen um 30 Prozent. Die Umlagefinanzierung der gesetzlichen Pflegeversicherung wird zunehmend an ihre Grenzen stoßen.
  • Die staatlich geförderte Pflegezusatzversicherung ist ein wichtiger Anreiz für die Bürger, für den Pflegefall rechtzeitig ergänzende kapitalgedeckte Vorsorge zu treffen. Über 580.000 Personen schlossen bis Ende März 2015 eine geförderte Pflegezusatzversicherung ab.
  • Die Schwerpunkte künftiger Pflegereformen sollten auf der Steigerung der Attraktivität des Pflegeberufes, der Entbürokratisierung sowie auf einer Weiterentwicklung des Systems der Qualitätsprüfung und Benotung von Pflegeeinrichtungen liegen.
  • Im Bereich der Pflege wird sichtbar, dass der Systemwettbewerb gute Ergebnisse hervorbringt zum Nutzen aller Patienten und Versicherten. Das Spektrum reicht von der Pflegeberatung und -begutachtung über die wissenschaftliche Verbesserung der Versorgungspraxis bis hin zur Präventionsarbeit.

Inhalt

A. Herausforderungen in der Pflege

  1. Demografischer Wandel und Finanzierung der Pflege
  2. Deckung des Fachkräftebedarfs, Entbürokratisierung, System der Pflegenoten

Beitrag der PKV zur Qualität in der Pflege

Anhang: Redebeitrag

A. Herausforderungen in der Pflege

Demografischer Wandel und Finanzierung der Pflege

In allen Teilen der Welt wächst die Bevölkerung. Deutschland gehört aktuell mit knapp 21 Prozent zu den Ländern mit dem höchsten Bevölkerungsanteil an den über 64-Jährigen. Dieser Wert wird bis 2060 auf 33,0 Prozent steigen. Der demografische Wandel beschäftigt die Bevölkerung sehr stark, wie eine repräsentative Umfrage von TNS-Emnid im September 2013 ergeben hat: 85 Prozent der Befragten halten ihn für ein wichtiges oder sehr wichtiges Thema. Darin drückt sich nicht zuletzt die Sorge aus, ob der erreichte Lebensstandard gehalten werden kann, schließlich gehört Deutschland heute zu den Ländern mit den weltweit besten Lebensbedingungen für ältere Menschen. Mit zu diesem vergleichsweise guten Gesamtniveau trägt die 1995 eingeführte gesetzliche Pflegeversicherung bei, die als vierte Säule des Sicherungssystems in einer langen deutschen Sozialversicherungstradition steht. Die Pflegeversicherung hat sich insgesamt bewährt und ist bereits mehrfach an veränderte Anforderungen angepasst worden, obgleich die Frage, wie alte und pflegebedürftige Menschen in Zukunft versorgt werden wollen, damit noch nicht beantwortet ist.

Die Zahl pflegebedürftiger Menschen in Deutschland wird sich in den nächsten 45 Jahren annähernd verdoppeln. Galten 2013 noch rund 2,6 Millionen Menschen als pflegebedürftig, so werden es im Jahr 2060 voraussichtlich 4,7 Millionen sein.  Die dadurch wachsenden Pflegekosten werden durch wesentlich weniger Beitrags- und Steuerzahler als bisher finanziert werden müssen. So nimmt die Zahl der Altersgruppe im erwerbsfähigen Alter (20 bis 64 Jahre) – die das Umlagesystem im Wesentlichen finanzieren – bis 2060 um mehr als 30 Prozent ab (49 auf 34 Millionen). Die umlagefinanzierte Soziale Pflegeversicherung (SPV) wird damit an ihre Grenzen stoßen.

Daran wird auch der neu geschaffene kapitalgedeckte Pflegevorsorgefonds nichts ändern. Zwar zeugt er von der richtigen Erkenntnis, dass mehr finanzielle Vorsorge nötig ist, aber die gesparten Mittel sind unzureichend: Die jährlichen Ausgaben der Pflegeversicherung werden allein bis 2030 auf bis zu 29 Milliarden Euro anwachsen (2014: 22 Milliarden). Die jährliche Zuführung zum Pflegevor-sorgefonds in Höhe von 1,2 Milliarden bis 2033 für 70 Millionen Versicherte ist daher nur ein „Tropfen auf den heißen Stein“. Ein Vergleich: Die Private Pflegeversicherung (PPV) mit ihren 9 Millionen Versicherten führt derzeit jährlich 1,5 Milliarden Euro ihrer Alterungsrückstellung zu. Der Kapitalstock ist als privates Eigentum verfassungsrechtlich geschützt.

Häufig wird vorgeschlagen, der mit dem Umlageverfahren verbundenen zunehmenden Lastenverschiebung auf die zukünftigen Generationen in der SPV in Verbindung mit zu erwartenden Beitrags-steigerungen aufgrund gesetzgeberischer Leistungsausweitung mit der Einbeziehung der Privaten Pflegeversicherung in die Soziale Pflegeversicherung zu begegnen. Die Umlagefinanzierung auf 100 Prozent der Bevölkerung auszuweiten wird die Finanzierungsprobleme der SPV allerdings nicht beheben, da es nicht zu der angestrebten Verjüngung der Versichertenstruktur kommen würde: Im Jahr 2011 lag das PPV-Durchschnittsalter mit 43,32 Jahren nur noch 0,13 Jahren unter dem der SPV. Das zeigt sich auch an den Zahlen der Pflegebedürftigen in der PPV. Allein von 1998 bis 2011 verzeichnete die PPV prozentual einen wesentlich stärkeren Anstieg der Pflegebedürftigenzahlen (+61,5 %) als die SPV (+36,1 %). Ursache ist, dass die vormals jüngere Versichertenstruktur der PPV in die Altersgruppen mit höherem Pflegerisiko hineinwächst. Die Risikostrukturen von SPV und PPV gleichen sich damit sehr schnell an.

Die Pflegevorsorge ist eine zentrale Herausforderung für eine stark alternde Gesellschaft. Die Pflegepflichtversicherung ist eine Teilkaskoversicherung. Ohne Pflegezusatzversicherung sind schon heute viele pflegebedürftige Menschen nicht in der Lage, für ihre Pflegekosten allein aufzukommen. Ein Beispiel: Die Kosten für eine Unterbringung im Heim bei Pflegestufe III betragen heute im Durchschnitt bei vollstationärer Pflege rund 3.240 Euro pro Monat. Die Pflegepflichtversicherung leistet in dieser Stufe 1.550 Euro. Die Pflegepflichtversicherung deckt also nur einen Teil der anfallenden Kosten; übrig bleibt beim Beispielfall ein Eigenanteil von über 1.600 Euro. Die Notwendigkeit, für den Pflegefall zusätzlich privat vorsorgen zu müssen, liegt auf der Hand. Dabei ist es auch die Verantwortung des Staates, die Bürger rechtzeitig auf Schwierigkeiten hinzuweisen, die sich bei der Finanzierung einer den Wünschen und Bedürfnissen entsprechenden Pflege künftig ergeben könnten. Der Gesetzgeber hat im Jahr 2012 auf diese „Sicherungslücke“ reagiert. Seit Januar 2013 gibt es neben der Pflegepflichtversicherung und der klassischen Pflegezusatzversicherung als dritte Säule der sozialen Sicherung in der Pflege die geförderte ergänzende Pflegeversicherung (GEPV). Die staatliche Zulagenförderung ist dabei nicht bloß ein finanzieller Anreiz, sondern auch ein wichtiges Signal an die Bürger, rechtzeitig ergänzend vorsorgen zu müssen. Und die geförderte Pflegezusatzversicherung ist gut angelaufen: Über 580.000 Personen haben bis Ende März 2015 eine solche Zusatzversicherung abgeschlossen. Die geförderte Pflegezusatzversicherung bietet allen die Chance, finanzielle Hilfebedürftigkeit im Pflegefall zu verhindern und einen Rückgriff auf Zahlungspflichten ihrer Angehörigen zu vermeiden.

Deckung des Fachkräftebedarfs, Entbürokratisierung, System der Pflegenoten

Die Zahl der Pflegebedürftigen wächst jährlich um ein bis zwei Prozent. Aufgrund des prognostizierten Anstiegs der Pflegebedürftigen benötigen wir in Deutschland im Umkehrschluss auch mehr Menschen, die im Pflegeberuf tätig sind. Über 70 Prozent der Menschen, die heute Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen, werden zu Hause versorgt. Etwa die Hälfte davon wird allein durch die Angehörigen versorgt, ohne dass professionelle Hilfe im Einsatz ist. Heute sind rund 700.000 Men-schen in stationären Pflegeeinrichtungen tätig, 300.000 Menschen in ambulanten Einrichtungen.  Um auch in Zukunft das heutige hohe Pflegeniveau halten zu können, brauchen wir jedes Jahr 20.000 Pflegekräfte mehr (Baden-Württemberg: 1.500). Der Trend, dass die Familie als größter Pflegedienst der Nation zunehmend erodieren wird, ist hier noch gar nicht berücksichtigt. Die Novellierung der Pflegeberufe – wie sie im Koalitionsvertrag des Bundes vorgesehen ist – sollte daher insbesondere das Ziel verfolgen, die Attraktivität des Berufsbildes „Pflege“ zu steigern. Die Berufsausbildung für Pflegekräfte ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die dementsprechend aus Steuermitteln zu finanzieren ist.

Neben Arbeitsbedingungen, Arbeitsmotivation und Arbeitszeit der Pflegenden bestimmt auch das Thema Pflegedokumentation die Attraktivität der Arbeit in der Pflege mit. Viele Fachkräfte, aber auch Angehörige von Pflegeberufen sind heute unzufrieden mit dem Umfang des bürokratischen Aufwands in der Pflege. Derzeit besteht die unbefriedigende Situation, dass Pflegekräfte davon ausgehen, dass alles, was täglich in der Pflege geleistet wird, auch in der Pflegedokumentation festgehalten werden müsse. Unter dem Motto „Effizienzsteigerung in der Pflege“ fand im vergangenen Jahr der Praxistest für eine veränderte Grundstruktur der Pflegedokumentation sein Ende. Grundlage für die Erprobung einer veränderten Dokumentationspraxis waren die Empfehlungen des „Beikirch-Projektes“, welches von einem Lenkungsgremium – unter Beteiligung der PKV – begleitet wurde. Der veröffentlichte Abschlussbericht „Praktische Anwendung des Strukturmodells Effizienzsteigerung der Pflegedokumentation in der ambulanten und stationären Langzeitpflege“ gibt entscheidende Empfehlungen zur Verein-fachung der Pflegedokumentation. Dieses Ergebnis und die derzeit laufende bundesweite Einführung dieses Modells ist zu begrüßen, denn es könnte erstmalig wirklich zu einer Entlastung der Pflegekräfte von nicht-pflegerischen Aufgaben führen. Der Prüfdienst der Privaten Krankenversicherung steht den Pflegeeinrichtungen bei der Umsetzung dieses durchaus anspruchsvollen Projektes als Ansprechpartner zur Verfügung. Das Ziel, unnötigen Bürokratieaufwand künftig zu vermeiden, gilt im Übrigen auf den unterschiedlichsten Ebenen. Insbesondere neue Regeln sollten vor allem im Interesse der Verbraucher und Beitragszahler möglichst einfach, leicht verständlich und gut umsetzbar sein. Dafür setzt sich die PKV immer wieder mit Nachdruck ein, so auch in ihrer aktuellen Stellungnahme zum Referentenentwurf eines Zweiten Pflegestärkungsgesetzes.

Eine gute Dokumentation sollte sich zudem nicht daran orientieren, dass die Einrichtung eine gute Pflegenote bekommt. Eine gute Benotung sollte stattdessen die Qualität der Pflege messen und Qualitätsunterschiede für Verbraucher sichtbar machen. Diese Erwartungen erfüllen die heute veröffentlichten Transparenzberichte zur Pflegequalität der Pflegeeinrichtungen (Pflegenoten) nicht. Das liegt allerdings nicht an der Darstellungsform der Pflegenoten, sondern an den dahinter liegenden Bewertungskriterien. Die PKV tritt für die Beibehaltung des Systems der Qualitätsprüfungen und der Pflegenoten ein, denn Transparenzkriterien und öffentliche Berichtssysteme über Qualität von Ein-richtungen und Diensten stellen ein wirkungsvolles Instrument dar, um die Gesundheits- und Pflege-versorgung zu verbessern. Beide Systeme müssen weiterentwickelt werden, hin zu einer wirklichen Orientierungshilfe für die Betroffenen. Die PKV unterstützt die Initiative der Bundesregierung für eine Neukonzeption der Pflegebenotung uneingeschränkt. Empfohlen wird, die neue Prüfsystematik auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu entwickeln. Die gemeinnützige Stiftung der Privaten Krankenversicherung „Zentrum für Qualität in der Pflege“ (ZQP) wäre hierfür der geeignete Partner.

B. Beitrag der PKV zur Qualität in der Pflege
Die Soziale (SPV) und Private Pflegepflichtversicherung (PPV) beinhalten bekanntlich identische Leistungen. Ein innovativer Leistungswettbewerb findet dagegen im Segment der freiwilligen Privaten Pflegeversicherung innerhalb der PKV statt. Diese war sogar Ideengeber für die Einführung der Sozia-len Pflegeversicherung. Die Innovationskraft der PKV in der Pflege beschränkt sich aber nicht nur auf die klassischen Versicherungsprodukte. Sie umfasst auch die Qualität der Pflege selbst.

Im Jahr 2009 hat die PKV die aufsuchende Pflegeberatung COMPASS gegründet. Bei COMPASS erhalten alle Ratsuchenden zunächst unabhängig vom Versicherungsstatus eine kostenlose anonyme telefonische Beratung. Privatversicherte und ihre Angehörigen können anschließend auf ein flächendeckendes Netz von mobilen Beratern zurückgreifen, um konkrete Hilfe in ihrer eigenen Häuslichkeit zu erhalten. Sie müssen nicht in eine Beratungsstelle, sondern die Beratung kommt zu ihnen. „COMPASS Pflegeberatung“ hat sich zum Vorbild für das ganze System entwickelt: Im Zuge der 2012er Pflegereform hat der Gesetzgeber daher auch für die Pflegekassen eine aufsuchende Beratung zum Standard gemacht.

Auch bei den Qualitätsprüfungen in Pflegeheimen und bei Pflegediensten („Pflege-TÜV“) engagiert sich die PKV: Seit 2011 führt der Prüfdienst der PKV entsprechend dem Anteil der Privatversicherten an der Bevölkerung jährlich etwa 2.500 Prüfungen durch. Anders als die regional tätigen Medizinischen Dienste der Pflegekassen, die bei der Umsetzung der Prüfvorgaben oft je nach Ort erhebliche Unterschiede machen, arbeitet der PKV-Prüfdienst bundesweit nach einheitlichen Vorgaben. Damit macht er den direkten Qualitätsvergleich zwischen Einrichtungen in unterschiedlichen Regionen möglich. Darüber hinaus verfolgen die Qualitätsprüfer der PKV in den Prüfungen, die für zwei Tage angesetzt werden, einen stark beratungsorientierten Ansatz. Sie kontrollieren die Einrichtungen nicht nur, sondern helfen ihnen dabei, ihre Aufgaben besser zu erfüllen.

Um die Pflegequalität auf eine wissenschaftlich fundierte Grundlage zu stellen, hat die PKV zudem im Jahr 2009 die gemeinnützige Stiftung „Zentrum für Qualität in der Pflege“ (ZQP) gegründet. Ziel der Stiftung ist es, die Qualität der Pflege und der Versorgungspraxis zu verbessern. Unterstützt von interdisziplinären Beratungsgremien initiiert die Stiftung wissenschaftliche Untersuchungen, bei denen die Fachwelt noch Erkenntnisbedarf hat. Die Forschungsergebnisse werden der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt. In Fachkreisen hat sich die Stiftung mittlerweile zu einem nationalen Kompetenzzentrum für den Bereich Pflegequalität entwickelt und genießt höchste Anerkennung.

Seit 1995 prüft der Medizinische Dienst der Privaten Pflegeversicherung „MEDICPROOF“ Leistungsvoraussetzungen für die Private Pflegeversicherung. Dabei nimmt MEDICPROOF nicht nur bundesweit und im Ausland die Einstufung privatversicherter Antragsteller vor, sondern bringt seine Expertise auch zur Weiterentwicklung der Pflegeversicherung ein, beispielsweise im Expertenbeirat der Bundesregierung zu einem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff. Für MEDICPROOF sind rund 1.000 Gutachterinnen und Gutachter tätig, deren Unabhängigkeit bei der Einstufung der Pflegebedürftigkeit als vorbildlich gilt.

Seit Januar 2014 engagiert sich die PKV nicht zuletzt auch in der Präventionsarbeit im Bereich der Pflege, um die Lebensqualität im Alter zu erhöhen. In Kooperation mit der Bundeszentrale für gesund-heitliche Aufklärung (BZgA) finanziert der PKV-Verband das neue Projekt „Älter werden in Balance“. Mit einem Jahresbudget von derzeit drei Millionen Euro wird „Älter werden in Balance“ unter fachlicher Einbindung namhafter Alters- und Sportwissenschaftler von der BZgA entwickelt. Ein Mehr an körperlicher Ertüchtigung für älter werdende und alte Menschen kann nicht nur dabei helfen, Krankheiten zu verhindern, sondern trägt auch wesentlich dazu bei, die individuelle Mobilität, Selbstständigkeit und geistige Fitness zu erhalten und zu stärken. Einer der Schwerpunkte des im vergangenen Herbst gestarteten Programms liegt beim Thema Demenz.

C. Redebeitrag
Landtag von Baden-Württemberg
Verbändeanhörung der Enquetekommission „Pflege“ am 24. Juli 2015
Dr. Timm Genett, Verband der Privaten Krankenversicherung

„Herausforderungen der Pflegeversicherung: Finanzierung, Bürokratieabbau und Qualität“
I.    Finanzierung
Wenn wir von der Finanzierung der Pflege sprechen, geht es nicht nur um die Frage, welche Beiträge wir Arbeitnehmern und Arbeitgebern heute zumuten und mit welchem Eigenanteil der Pflegebedürftige selbst belastet wird. Mit Blick auf die demografische Entwicklung geht es auch um die Frage: Was muten wir zukünftigen Generationen zu, wenn in der umlagefinanzierten Gesetzlichen Pflegeversicherung infolge der programmierten Alterung, der programmierten Zunahme von Pflegebedürftigkeit die Leistungsausgaben ebenso programmiert steigen werden, die wesentliche Finanzierungsbasis indes – die Zahl der Erwerbstätigen mit überproportionalen Deckungsbeiträgen – erodiert?
Nach einem mittleren Prognose-Szenario des Statistischen Bundesamtes wird die Bevölkerungszahl in Deutschland bis zum Jahr 2060 von 81 Mio. auf 69 Mio. abnehmen. Das ist an sich noch kein Problem. Die Herausforderung besteht vielmehr in der quantitativen Verschiebung in den Alterssegmenten:
-    In der Gruppe der unter 20-Jährigen werden wir einen Rückgang um fast 4 Mio. erleben (von heute noch 14,7 Mio. Kindern und Jugendlichen).
-    Das einzige Alterssegment, das in den kommenden 45 Jahren wachsen wird, ist das der über 67-Jährigen mit einem Anstieg um 7 Mio. von heute 15 auf dann 22 Mio.
-    In den Altern von 20 bis 67 Jahren, also dem großen Segment der Erwerbsfähigen, werden wir einen besonders dramatischen Rückgang um 15 Mio. erleben (von heute 51 Mio. auf dann 36 Mio.).

Die Konsequenz dieser Zahlen:
1.    Die Einnahmebasis der umlagefinanzierten Sicherungssysteme, und damit auch der Gesetzlichen Pflegeversicherung, erodiert. Mit fast einem Drittel weniger Erwerbsfähigen geht ihr auch fast ein Drittel ihrer wesentlichen Finanzierungsbasis – die beitragspflichtigen Einkommen – verloren.
2.    Die Leistungsausgaben der Pflegeversicherung werden zugleich expandieren:
a)    Pflegebedürftigkeit korreliert mit dem Alter. Im Jahr 2060 wird es 80 Prozent mehr Pflegebedürftige geben als heute.
b)    Um die Versorgung auf heutigem Niveau sicherzustellen, brauchen wir jährlich 20.000 neue Pflegekräfte; allein in Baden-Württemberg 1.500/Jahr. Diese Pflegekräfte bekommen wir nur, wenn der Pflegeberuf zukünftig mit Blick auf Arbeitsbedingungen und Einkommen attraktiver wird.
c)    Es wird aber nicht reichen, das heutige Niveau professioneller Pflege bei zunehmender Pflegebedürftigkeit einfach nur fortzuschreiben. Zukünftig werden mehr Pflegebedürftige eine professionelle Pflege brauchen als heute, weil infolge der demografischen Entwicklung der heute noch größte Pflegedienst der Nation – die Familie – immer weniger auffangen kann und immer mehr durch hauptberufliche Pflegekräfte ersetzt werden muss.

Die Gesetzliche Pflegepflichtversicherung wird angesichts dieser Herausforderungen keine Wunder vollbringen können. Im Gegenteil: Schon die Leistungsverbesserungen, die der Gesetzgeber in den vergangenen Jahren mit dem Ziel der Realwertsicherung der Pflegeversicherung vorgenommen hat, konnten mit den tatsächlichen Kosten der Pflege nicht Schritt halten. Im stationären Bereich beispielsweise ist in Pflegestufe III die Lücke zwischen den bundesdurchschnittlichen Pflegevollkosten und dem, was die Pflegeversicherung als Teilkaskoversi-cherung leistet, von 1999 bis heute um ein Viertel gestiegen. Entsprechend hat sich der Eigenanteil der Versi-cherten in den vergangenen 15 Jahren erhöht.

Das heißt: Wer die Pflegekosten im Alter selbst tragen und finanzielle Hilfebedürftigkeit durch Pflegebedürftigkeit vermeiden will, bedarf entweder einer ausreichenden Altersrente oder der zusätzlichen Vorsorge für den Pflegefall. Alles andere ist eine Illusion.

Die Pflegepflichtversicherung wird immer eine Teilkaskoversicherung bleiben und Mühe haben, ihren Anteil an den Realkosten überhaupt aufrechtzuhalten. Es wäre daher individuell wie auch pflegepolitisch fahrlässig, allein auf die Pflegepflichtversicherung zu setzen. Wenn es nämlich zukünftig eine gute und angemessen finanzierte Versorgungsstruktur von Pflegekräften und Pflegeheimen geben soll, die dem wachsenden Bedarf gerecht wird, bedarf es einer stabilen Refinanzierungsbasis. Die Förderung der privaten Pflegevorsorge seit 2013 setzt daher einen richtigen Anreiz.
Diese Überlegungen führen uns wiederum zu den Ursprüngen der Pflegeversicherung: Diese ist nämlich nicht vor 20 Jahren als gesetzliche Umlage gestartet, sondern vor 30 Jahren als private kapitalgedeckte Vorsorge. Und ohne private Vorsorge – ob über Pflegezusatzversicherungen oder andere Instrumente der Altersvorsorge – wird Pflege auch in Zukunft nicht finanzierbar sein.
Für die private Vorsorge spricht im Übrigen das überlegene Finanzierungsverfahren mit Alterungsrückstellungen. Man muss nur die Beitragsentwicklung der kapitalgedeckten Privaten Pflegepflichtversicherung (PPV) mit der Beitragsentwicklung in der umlagefinanzierten Gesetzlichen Pflegepflichtversicherung (GPV) vergleichen. Bei identischen Leistungen ist der anfangs – nicht zuletzt wegen des zusätzlichen Sparanteils – höhere PPV-Durchschnittsbeitrag (PPV 1997: 33,20 Euro, GPV 1997: 18,30 Euro) kontinuierlich gesunken, während der Durchschnittsbeitrag der GPV permanent gestiegen ist und infolge der skizzierten demografischen Entwicklung weiter steigen wird. 2012 lag der Durchschnittsbeitrag der PPV (27,10 Euro) erstmals unter dem der GPV (27,40 Euro). Kapitaldeckung ist eben kurzfristig teurer als Umlage, langfristig aber günstiger – und in jedem Fall generationengerechter.

II.    Bürokratie und Qualität
Die Pflege steht vor großen finanziellen Herausforderungen bei gleichzeitig sich verknappenden finanziellen Ressourcen. Es muss daher alles getan werden, um eine Finanzierung unnötiger oder gar schlechter Leistungen zu vermeiden.

Stichwort Bürokratie: Pflegekräfte empfinden die existierende Bürokratie als schwere Belastung. Eine spürbare Entlastung kann hier das neue Dokumentationsmodell unter Leitung der Obfrau für Entbürokratisierung in der Pflege, Elisabeth Beikirch, schaffen. Dieses würde bis zu einem Drittel Zeit einsparen. Pflegeeinrichtungen, die dieses Modell umsetzen wollen, können sich an den Prüfdienst der PKV wenden, der hier gerne mit Rat zur Seite steht.

Stichwort Qualität: Bei den Bemühungen um eine Verbesserung der Pflegequalität kann auf die Arbeit des ZQP – des Zentrums für Qualität in der Pflege in Berlin – zurückgegriffen werden. Die von der PKV gegründete Stiftung hat sich längst zum allseits anerkannten nationalen Kompetenzzentrum entwickelt. Das ZQP wird mit seiner Expertise auch die Neuordnung unseres Pflegenotensystems begleiten.

Eine Scharnierstelle bei der Qualitätssicherung in der Pflege ist zudem die Pflegeberatung. Der PKV-Verband hat hier „COMPASS – Private Pflegeberatung“ gegründet – laut Staatssekretär Laumann „das beste Beratungssystem“ zur Pflege in Deutschland. Die aufsuchende Pflegeberatung von COMPASS, d. h. das Care- und Case-Management vor Ort und unmittelbar in der Wohnumgebung des Pflegebedürftigen, ist auch Vorbild für die gesetzliche Verpflichtung der GKV im Jahr 2012 gewesen, ebenfalls eine aufsuchende Beratung anzubieten. Es gibt auch bereits Anfragen der GKV, diese Leistung direkt von COMPASS zu beziehen.

Die Beispiele ZQP und COMPASS mögen illustrieren, dass wir auch in der Pflegeversicherung vom Systemwett-bewerb zwischen GKV und PKV profitieren, der sich nicht nur auf die unterschiedlichen Finanzierungsmodelle erstreckt, sondern auch die Qualität der Pflege selbst voranbringt.