Professor Jürgen Fritze, leitender Arzt des Verbandes der privaten Krankenversicherung, über Risiken und Nutzen einer Impfung.
Haben Sie sich bereits impfen lassen?
Fritze: Der Impfstoff ist derzeit knapp, auch wenn die Nachfrage bisher nicht stürmisch ist. Mit Beginn der Impfaktion haben die Medizinalpersonen, also insbesondere Pflegekräfte, Arzthelferinnen und Ärzte, außerdem Sicherheitskräfte wie Polizei und Feuerwehr Vortritt, denn sie haben das größte Risiko, sich im Kontakt mit infizierten Patienten selbst zu infizieren. Dann kommen die Schwangeren und die chronisch Kranken an die Reihe, denn sie haben ein erhöhtes Risiko, im Infektions-Fall besonders schwer zu erkranken. Da ich zwar Arzt bin, derzeit aber ohne Patientenkontakt, stehe ich zurück, bis diese Bevölkerungsgruppen bedient wurden. Dann aber werde ich mich selbstverständlich impfen lassen.
Was unterscheidet die neue Grippe von der normalen saisonalen Grippe?
Fritze: Es handelt sich um andere Viren. Während die Entwicklung der saisonalen Grippeviren aus Erfahrungen aus der Vergangenheit vorhergesagt und entsprechende Impfstoffe entwickelt werden können, gelingt dies bei der neuen Influenza nicht. Beim Schweinegrippevirus bleibt zu hoffen, dass der Schutz der Impfung trotz möglicher Änderungen seiner immunologischen Eigenschaften erhalten bleibt.
Impfkritiker sagen, dass die Risiken der Impfung in keinem Verhältnis zum Nutzen stehen. Immerhin verläuft die Krankheit sehr milde. Teilen Sie diese Ansicht?
Fritze: Nein. Zwar waren die Krankheitsverläufe in Deutschland bisher überwiegend milde, aber Veränderungen des Virus können zu einer Zunahme von schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen führen. Impfung möglichst der gesamten Bevölkerung ist am ehesten geeignet, eine Seuche wie die Schweinegrippe zu bekämpfen. Ziel der Massenimpfung ist nicht allein der Impfschutz des Einzelnen, sondern auch das Bremsen der Virusausbreitung. Weltweit sind inzwischen über 6.000 Todesfälle zu beklagen. In Deutschland steigt die Zahl der Erkrankungsfälle seit einigen Wochen wieder an. Die Gefahr ist aber nicht nur an den Todesfällen zu messen: Zahlreiche Betroffene mussten auch in Deutschland wegen Lungenentzündung intensivmedizinisch behandelt werden. Den Nutzen der Impfung mit dem Argument in Frage zu stellen, es seien bisher ja nur wenige Todesfälle zu beklagen, wirkt ziemlich seltsam, denn für jeden einzelnen Betroffenen stellt der Tod doch ein recht abschließendes Ereignis dar. Impfen ist die beste denkbare, evidenzbasierte Naturheilkunde, denn Impfen verursacht wie die Infektion Immunität, jedoch ohne die Erkrankung durchleiden zu müssen.
Wirkt der Impfstoff auch, wenn sich das Virus verändert? Oder muss dann neu geimpft werden?
Fritze: Das lässt sich nicht vorhersagen. Wenn sich das Virus ändert, muss entsprechend neuer Impfstoff hergestellt werden. Ob das jährlich erfolgen muss, ist wiederum nicht vorhersagbar.
Reicht eine einmalige Impfung oder muss zweimal geimpft werden?
Fritze: Ob es der Auffrischimpfung bedarf, hängt vom Ausmaß der durch die Impfung induzierten Antikörperbildung ab. Die zweite „Booster“-Impfung pflegt die Antikörperbildung besonders zu stimulieren. Wenn nach nur einer Impfung bei einem bedeutsamen Anteil der Geimpften die Antikörperbildung keinen sicheren Infektionsschutz gewährleistet, muss es bei der Doppelimpfung bleiben.
Insbesondere die Wirkungsverstärker stehen in der Kritik. Wie beurteilen Sie die Sicherheit der Impfungen?
Fritze: Der Impfstoff ist inzwischen nicht schlechter getestet als der Impfstoff gegen saisonale Grippe. Es trifft zu, dass der Wirkverstärker eine Neuentwicklung darstellt. Dieses Adjuvans wurde inzwischen aber auch an vielen tausend Personen eingesetzt, ohne dass besondere Risiken erkennbar geworden sind. Da Impfungen grundsätzlich Gesunden gelten, müssen besondere Anforderungen an die Arzneimittelsicherheit gestellt werden. Insbesondere das Risiko tödlicher Komplikationen oder schwerwiegender bleibender Schäden muss im Verhältnis zu den mit der Schweinegrippe-Erkrankung verbundenen Gefahren vernachlässigbar gering sein. Da Tod oder bleibende Schäden sehr seltene Ereignisse darstellen, lässt sich ein erhöhtes Risiko erst nach Impfung von vielen tausend Personen erkennen.
Mit dem besonders wirksamen Adjuvans könnte eine Überstimulierung des Immunsystems verbunden sein. Man nimmt an, dass die Überstimulierung eine Autoimmunkrankheit auslöst, der Körper also Antikörper gegen eigene Antigene bildet. Solche Impfschäden sind grundsätzlich bei jedem Impfstoff – mit oder ohne Adjuvans – möglich. Entscheidend ist die Frage, ob es zu einer Häufung kommt. Um dieses Risiko erkennen zu können, wird die Impfung gegen Schweinegrippe durch die Zulassungsbehörde (Paul-Ehrlich-Institut, PEI) wissenschaftlich begleitet. Sollte sich also ein erhöhtes Risiko abzeichnen, würde die Impfkampagne abgebrochen. Letztlich muss aber jeder Einzelne Nutzen und Risiken einer Impfung für sich abwägen.
Die Impfstoffe in den USA enthalten keine Wirkverstärker. Einige Medien haben daher davon gesprochen, dass Deutschland zum Versuchslabor für die neuen Impfstoffe gemacht wird. Ist das Panikmache?
Fritze: Die in Deutschland und auch im übrigen Europa eingesetzten Impfstoffe enthalten Wirkverstärker. Zweck ist schlicht, dadurch weniger Impf-Antigen – etwa nur 25 Prozent - zu benötigen, weil dieses Adjuvans die Immunogenität der Antigene verstärkt. Würde man darauf verzichten und der Impfstoff knapp, so bliebe mehr oder weniger großen Teilen der Bevölkerung die Impfung vorenthalten. Das wäre nicht nur ethisch fragwürdig, sondern würde auch den Sinn einer Impfkampagne in Frage stellen, nämlich über den individuellen Schutz hinaus die Ausbreitung der Infektion in der Bevölkerung zu hemmen oder zumindest zu verlangsamen. Soweit mir verständlich, haben die USA auf adjuvantierten Impfstoff letztlich aus ökonomischen Gründen verzichtet, nämlich aus Sorge vor Haftpflichtfällen mit – wie in den USA üblich – gigantischen Schadenersatzforderungen. Das sind also gerade keine medizinischen Motive gewesen.
Vom „Versuchslabor“ zu sprechen, unterstellt, Zweck der Impfung sei nicht der Schutz der Bevölkerung, sondern das Durchführen eines Experimentes allein mit dem Ziel des Erkenntnisgewinns. Das ist eine suggestive und damit polemische, darüber hinaus irrationale Argumentation. Sie verunsichert unangemessen die Bevölkerung, indem rationale Argumente für die eigene Entscheidung pro oder contra Impfung dagegen nicht abwägbar sind.
Rational ist, dass jede medizinische Maßnahme, mag sie auch noch so harmlos erscheinen, immer den Charakter eines Experimentes hat. Denn die Aussicht auf Erfolg kann immer nur mit gewisser Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden. Jedes neu zugelassene Arzneimittel kann seltene aber schwerwiegende Risiken bergen, die erst bei Anwendung an einer großen Zahl von Personen erkennbar werden. Deshalb ist die Begleitforschung in der Medizin so wichtig – und leider bisher unzureichend genutzt. Es ist also zu begrüßen, dass die Qualitätssicherung auch in Deutschland inzwischen Fahrt aufnimmt. Für die Impfung gegen Schweinegrippe ist das die Begleitforschung durch das PEI.
Die Wirkungsverstärker sollen in Zukunft für viele Krankheiten einen besseren Impfschutz ermöglichen. Welches Potential sehen Sie dafür?
Fritze: Tatsächlich geht es um die Frage, ob mit Adjuvans ein Impfschutz von einem Ausmaß erreicht werden kann, das sich durch Erhöhung der Dosis des Impf-Antigens allein nicht erreichen lässt. Um das beweisen zu können, bedarf es Studien an großen Kollektiven, in denen hochdosierter Impfstoff mit hochdosiertem und zusätzlich adjuvantiertem Impfstoff zu vergleichen wäre. Das könnte ein echter Fortschritt werden; warten wir’s ab.
leitender Arzt des Verbandes der privaten Krankenversicherung.