PKV Publik Ausgabe 08/2008
PKV UND GKV
Beitragssatz der GKV 2050 bei 25 Prozent - Ein neues Prognosemodell des WIP
Kaum ist der Beitragssatz für den Gesundheitsfonds ab 1. Januar 2009 von der Bundesregierung bekannt gegeben worden, kommt die Nachricht von einem Beitragssatzprognose-Modell für die gesetzliche Krankenversicherung (GKV), das vom Wissenschaftlichen Institut der PKV (WIP) für den Zeitraum von 2009 bis 2050 erstellt worden ist. Ein Prognosemodell zur Unzeit? Mitnichten glaubt der PKV-Verband, der das WIP um diese Prognose gebeten hat. Denn das Ergebnis zeigt eine Reihe von neuen Erkenntnissen.
Erstens ist es das erste Prognosemodell überhaupt nach dem Wettbewerbsstärkungsgesetz (WSG). Es besteht also erstmalig die Gelegenheit zu prüfen, welchen Erfolg denn das WSG in Wirklichkeit haben dürfte. Das Ergebnis ist eindeutig: Die Beitragssatzprognose ist keineswegs günstiger als dies vor dem WSG der Fall war. Gemessen am Beitragssatz der gesetzlichen Krankenversicherung ist das WSG bereits aus heutiger Sicht kein Erfolg. Verglichen mit früheren Beitragssatzprognosen erscheint die Zukunft sogar noch problematischer als vor dem WSG. Das WIP prognostiziert bis zum Jahre 2050 einen Beitragssatzanstieg auf rund 25 Beitragspunkte.
Zweitens: Selbst diese keineswegs erfreuliche Prognose gilt nur dann, wenn das Gesundheitswesen wieder zu seinen Kostensteigerungsraten zurückkehrt, die bis 2006 gegolten haben. Seitdem ist die Kostensteigerungsentwicklung aber deutlich ungünstiger geworden. Ob es mit dem WSG gelingen wird, zu alten „Kostendämpfungserfolgen“ zurückzukehren, dürfte zunächst zweifelhaft sein. Die nächste Gesundheitsreform kommt also mit Gewissheit. Auch die private Krankenversicherung wird sich hierauf einzustellen haben. Und sie tut dies auch.
Folgen des demografischen Wandels
Eine wichtige Hauptdeterminante der Beitragssatzentwicklung bleibt der demografische Wandel. Dieser macht sich in der gesetzlichen Krankenversicherung sowohl bei den Ausgaben – durch zunehmende Gesundheitsleistungen im Alter – als auch bei den Einnahmen – durch im Schnitt geringere Beitragszahlungen von Rentnern als von den übrigen Mitgliedern – bemerkbar. Der sich hieraus ergebende reine Demografieeffekt macht bis 2050 rund 4 bis 5 Beitragssatzpunkte aus. Die Ursachen für diesen relativ starken Anstieg sind darin zu finden, dass sich im Laufe der Zeit die Ausgabenprofile in Abhängigkeit des Lebensalters versteilert haben. Die Ausgaben für Ältere sind absolut stärker gestiegen als diejenigen für Jüngere. Damit verstärkt sich der Demografieeffekt auf der Ausgabenseite mit den Jahren. Zusätzlich wird die Wirkung der Rentenformel durch den hier enthaltenen Nachhaltigkeitsfaktor berücksichtigt, die für etwa einen zusätzlichen Beitragspunkt verantwortlich ist.
Erhalt des Leistungsumfangs fraglich
Dieser reine Demografieeffekt stellt bereits eine enorme zukünftige Belastung dar. Im Jahr 2006 zahlte ein Mitglied der gesetzlichen Krankenversicherung im Schnitt einen Jahreskrankenkassenbeitrag von 2.818 Euro. Bei einem Beitragssatz, der demografiebedingt 5 Prozentpunkte höher liegt, hätte das durchschnittliche Mitglied (inklusive Arbeitgeberbeitrag) fast 1.000 Euro mehr zu zahlen und dies zu heutigen Konditionen. Mit dieser zukünftigen Belastung wird der demografische Wandel stärker als je zuvor den Umfang des heutigen Leistungskataloges der gesetzlichen Krankenversicherung in Frage stellen. Auch das bleibt eine weitere Baustelle für die nächste Reform.
Zum Zeitpunkt der Prognoseerstellung stand der Startbeitrag zum Fonds noch nicht fest. Das WIP-Modell geht unter Einrechnung der beschlossenen Zusatzleistungen für Krankenhäuser und Ärzte von einem Startbeitrag von 15,8 Prozent aus. Dies liegt zwar über dem jetzt beschlossenen Startbeitrag, stimmt aber interessanterweise genau mit den Vorstellungen der gesetzlichen Krankenversicherung für einen bedarfsgerechten Startbeitrag überein.
Weitere Beitragssteigerungen erwartet
Das Prognosemodell des WIP erwartet selbst bei einem Startbeitrag von 15,8 Prozent, dass in den nächsten Jahren weitere Beitragssatzsteigerungen unvermeidlich werden. Dies gilt jetzt erst recht, da der tatsächliche Startbeitragssatz bei nur 15,5 Prozent liegt.
Die politische Hoffnung, bis 2010 Ruhe an der Beitragsfront zu haben, dürfte nach der Erwartung des WIP kaum realistisch sein. Kommen dann noch die sinkenden Einnahmen aus dem Konjunkturabschwung hinzu, dann kommt die nächste Reform wohl noch schneller als gedacht.
Es bleibt nicht nur bei einer Prognose
Nun ist es weit verbreitet, Prognosen dann von sich zu weisen, wenn sie einem für die Zukunft nichts Gutes vorhersagen. Die Argumente dafür sind bestens bekannt. So zweifelt man die Prämissen zum Beispiel über die allgemeine Kostenentwicklung an oder weist darauf hin, dass sich bis zum Jahr 2050 so viel geändert haben dürfte, dass die Prognose ohnehin nicht eintritt. Deshalb sei folgende Anmerkung erlaubt: Auch das WIP kann sich derzeit nicht vorstellen, dass wir im Jahr 2050 den GKV-Versicherten einen Beitrag von 25 Prozent wirklich zumuten werden. Solche Belastungen sind weder für die Beitragszahler noch für die Wirtschaft in Form von Lohnzusatzkosten wirklich verkraftbar.
Eine Prognose sagt deshalb lediglich aus, was geschehen wird, wenn sich die derzeitige Entwicklung fortsetzt. Es ist letztlich eine Entscheidung der Politik, ob sie die Voraussetzungen ändern wird, so dass Abweichungen von der Prognose eintreten werden. Wenn beispielsweise der Leistungskatalog der GKV durch die Politik verschlankt wird, dann ist das ein Weg, eine Abweichung von der Prognose für die Zukunft hinzubekommen. Weitet die Politik umgekehrt den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung aus oder sorgt für großzügige Honorare der Leistungserbringer, dann wird der zukünftige Beitragssatz über der vom WIP getätigten Prognose liegen.
Deshalb ist eine Prognose vor allem ein Benchmark für die Politik. Es ist in ihrer Verantwortung dafür Sorge zu tragen, dass die Zukunft besser verläuft als dies derzeit die Prognose vorhersagt. Aus diesem Grund hat das WIP künftig vor, die Prognose jährlich zu aktualisieren, um zu zeigen, dass es der Gesundheitspolitik gelingt, auf einen besseren Pfad zu kommen, als es die aktuell vorliegende die Prognose voraussagt.
Konkret für die nächsten Jahre lässt die Prognose derzeit folgende Entwicklung erwarten: Der Startbeitrag für den Gesundheitsfonds ist nicht nur außerordentlich knapp gesetzt. Für die Zeit bis 2014, in der weitere Erhöhungen des Steuerzuschusses vorgesehen sind, erwartet das WIP einen Beitragssatzanstieg bereits auf 16,2 Prozent. Selbst das gilt aber wie gesagt nur dann, wenn die künftigen Kostensteigerungsraten wieder auf das Niveau abgesenkt werden, wie es bis 2006 der Fall war. Ob dies die Reformmaßnahmen des WSG erwarten lassen, bleibt aber weiterhin zweifelhaft.
we/fn
Die Studie „Prognose des Beitragssatzes in der gesetzlichen Krankenversicherung“ kann im Internet unter www.wip-pkv.de heruntergeladen oder als Druckversion über das WIP bezogen werden.