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PKV Publik Ausgabe 08/2007

MEINUNG

Plädoyer für Direktabrechnung


Sehr geehrte Kollegin,
sehr geehrter Kollege!


Woran denken Sie, wenn ein Patient ohne Chipkarte Sie aufsucht und seine Sorgen oder Beschwerden erzählt? An Medizin! Sie sind Arzt und überlegen, was Sie am besten tun können, um diesem Patienten zu helfen.


Woran denken Sie, wenn ein Patient mit Chipkarte Sie aufsucht? An Medizin. Auch. Und an Ihr Arzneimittelbudget, den neuen Rabattvertrag seiner Kasse, Ihr Individualbudget, ob er ins DMP passt, die neue Richtlinie xy und welches Formular Sie jetzt gleich brauchen. Sie überlegen, kurz, was Sie am besten für diesen Patienten tun könnten und dann etwas länger, was Sie für ihn tun dürfen, ohne in Schwierigkeiten zu kommen oder als Arzt tun müssen, obwohl Sie dadurch in Schwierigkeiten kommen.


Der entscheidende Unterschied zwischen diesen beiden Patienten besteht darin, dass der eine einen individuellen Behandlungsvertrag mit Ihnen schließt, während Sie der andere als Leistungsempfänger im Sachleistungssystem aufsucht, damit Sie ihm seine medizinische Versorgung austeilen. Über das, was seine Versorgung realistischerweise umfasst, ist er nicht informiert, wird er von Politik und Kassen absichtlich im Unklaren gelassen, beziehungsweise in der Illusion gewogen, er könne aus allem wählen, was es so gibt.


Ihn in die Richtlinien zu pressen, überlässt man getrost Ihnen und zwar gleich mit Übergabe des finanziellen Risikos an Sie, falls Sie den Konflikt mit dem Patienten scheuen oder es ganz einfach nicht über sich bringen, dem Menschen, der da vor Ihnen sitzt, dieses oder jenes zu verweigern. So geraten Sie im Sachleistungssystem in das Spannungsfeld zwischen Arztsein und persönlich haftendem Zwangsverwalter fremder Finanzen, von denen Sie nur eines sicher wissen: Sie reichen nie und nimmer, um die Leistungen, die von Ihnen und den Kollegen erbracht oder abgefordert werden, angemessen zu vergüten.


Warum diskutieren Ärzte und Zahnärzte diese Gedanken nicht längst in breiter Öffentlichkeit? Angst, die Sache zu Ende zu denken und dazu zu stehen? Lieber auf ein Wunder warten? Die KV / KZV macht das schon? Angst, diffamiert und unberechtigterweise in die Ecke derer gestellt zu werden, die „nur ans Geld denken“? Angst, bei Kollegen zuzugeben, dass einen erst eigene finanzielle Probleme zum Nachdenken gebracht haben? Resignation angesichts des politischen Gegenwindes – man kann ja sowieso nichts machen?


Direktabrechnung kann Ihnen den Beruf wiedergeben, den Sie ausüben wollten, als Sie Arzt oder Zahnarzt geworden sind. Und sie kann den Patienten ihre Ärzte wiedergeben anstelle der „Leistungserbringer“, die sie zurzeit in vielen Praxen antreffen. Direktabrechnung ist nichts anderes als die Wiedereinführung des Rechtes, Verträge nach dem bürgerlichen Gesetzbuch zu schließen, wie es in allen Lebensbereichen außerhalb des deutschen Gesundheitswesens üblich und alltäglich ist. Es ist nicht unehrenhaft oder unethisch, das zu wollen. Es ist normal.


Dr. Christiane Alp ist Kieferorthopädin in Bad Homburg und Vorstandsmitglied des „Bündnis Direktabrechnung“. Der Text ist ein Auszug aus einem Offenen Brief an die Ärzteschaft. Weitere Informationen unter www.buendnisdirektabrechnung. de.
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