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PKV Publik Ausgabe 07/2007

DEMOGRAFIE

Die Bedeutung ausgabenintensiver Fälle im Gesundheitswesen

In seiner neuesten Studie befasst sich das Wissenschaftliche Institut der PKV (WIP) mit der Verteilung der Gesundheitsausgaben auf die Versicherten. Anhand empirischer Daten hat das WIP die These überprüft, derzufolge eine vergleichbar kleine Gruppe von Versicherten den Großteil der Ressourcen im Gesundheitswesen in Anspruch nimmt. Dabei zeigt sich, dass die Gesundheitsausgaben gerade im Alter gleichmäßiger verteilt sind, als vielfach behauptet wird.

Für die Gesundheitspolitik ist die Frage der Verteilung der Gesundheitsausgaben von großer Bedeutung. Dies gilt umso mehr, wenn sich – wie bei uns in Deutschland – der Altersaufbau der Bevölkerung durch eine niedrige Geburtenrate und/ oder durch eine steigende Lebenserwartung verändert.

Nun wird in der Gesundheitspolitik wiederholt die These vertreten, dass 20 Prozent der Versicherten etwa 80 Prozent der Ausgaben verursachen. Diese These ist aber empirisch keineswegs zufriedenstellend belegt. Insbesondere ist bisher unzureichend untersucht, inwieweit eine solche Verteilung in der für die Ausgaben besonders relevanten Altersgruppe der über 50-Jährigen anzutreffen ist. Soweit überhaupt Untersuchungen für Deutschland vorliegen, basieren sie auf nicht vollständigen Daten. So wurden zum Beispiel die Arzthonorare nicht individuell berücksichtigt, da die hierfür benötigten Daten nicht personenbezogen bei den gesetzlichen Krankenkassen vorliegen.


Die neue Untersuchung schließt diese Lücke, da dem WIP personenbezogene Daten für fast alle Leistungsbereiche des Gesundheitswesens vorliegen, einschließlich der ambulanten Versorgung. Verwendet wurden anonymisierte Daten von 625.000 beihilfeberechtigten PKV-Versicherten.


Da insbesondere jene Altersgruppen interessieren, in denen überdurchschnittlich hohe Ausgaben auftreten,wurden die individuellen Kosten von Versicherten ab dem fünfzigsten Lebensjahr untersucht.


Empirische Ergebnisse zur Verteilung

Die Abbildungen zeigen die altersabhängigen Relationen, die besagen, wie viel Prozent der Gesundheitsausgaben jeweils auf die teuersten 20 Prozent der Versicherten ab dem fünfzigsten Lebensjahr entfallen. Der hypothetische Fall, in dem alle Versicherten gleich hohe Ausgaben verursachen, ist in der Abbildung als untere Grenze eingezeichnet. In diesem Fall würden 20 Prozent der Versicherten auch 20 Prozent der Ausgaben benötigen. Die oft unterstellten 80 Prozent sind mit der oberen, gepunkteten Linie dargestellt.


Abbildung 1 zeigt die Gesundheitsausgabenanteile, die den 20 Prozent ausgabenintensivsten männlichen Versicherten separat für die einzelnen Altersklassen im Jahr 2004 zugerechnet werden können. Es zeigt sich, dass dies bei den 50- bis 59-jährigen Männern 63,6 Prozent der Ausgaben waren. Mit zunehmendem Alter sinkt der Wert bis auf 54,7 Prozent bei den über 90-jährigen Versicherten. Je älter die Versichertensind, desto gleichmäßiger sind die Ausgaben also auf sie verteilt.


Abbildung 2 auf der gegenüberliegenden Seite stellt den gleichen Zusammenhang für Frauen dar. Die Anteile, die den 20 Prozent mit den höchsten Ausgaben zuzuschreiben sind, liegen leicht unter denen der Männer und der Rückgang ist mit dem Alter etwas moderater. Die Gesundheitsausgaben der Frauen sind damit etwas gleichmäßiger verteilt als bei den Männern.


Bei den über 50-Jährigen, die die hohen Ausgaben im Gesundheitswesen verursachen, lässt sich die These, wonach auf 20 Prozent der Personen 80 Prozent der Gesundheitsausgaben entfallen,nicht bestätigen. Anders formuliert: Die Verteilung der Gesundheitsausgaben ist gerade im Alter wesentlich gleichmäßiger als bisher oft angenommen. Diese Entwicklung hat sich, wie ebenfalls nachgewiesen werden konnte, in den vergangenen zehn Jahren sogar noch verstärkt. Zum Beispiel wurde der Anteil derjenigen Personen analysiert, auf den sich die Hälfte der Leistungen je Altersklasse verteilt. Hier zeigt sich, dass sich dieser Anteil vor allem in den höheren Altersklassen im Beobachtungszeitraum kontinuierlich erhöht hat. Die Gesundheitsleistungen verteilen sich gerade in höheren Lebensaltern im Zeitablauf immer weniger ungleichmäßig auf die Versicherten.


Ausgabenintensive Fälle im Lebenszeitablauf

Ein weiterer Schwerpunkt der Analyse des WIP ist die Betrachtung des weiteren Lebensverlaufs von Personen nach einem Jahr mit hohen Gesundheitsausgaben. Die Ergebnisse zeigen, dass die Ausgaben der ehemals ausgabenintensiven Patienten in den Folgejahren im Durchschnitt deutlich niedriger sind. So gehören sie in den Folgejahren in der Regel nicht erneut zu den teuersten Fällen, wobei sie im Durchschnitt jedoch ein erhöhtes Risiko aufweisen, überdurchschnittliche Ausgaben zu verursachen. Die Studie belegt damit auch, dass diejenigen, die besonders hohe Gesundheitskosten verursachen, nicht jedes Jahr dieselben, sondern wechselnde Personen sind.


Fazit

Ziel der WIP-Studie ist es,die gesundheitspolitische Diskussion mit fundierten Daten aus einer für Deutschland erhobenen Versichertengruppe zu bereichern. Würden die Ausgaben des Gesundheitswesens durch teure Einzelfälle dominiert, dann ginge es vor allem um deren optimale Behandlung und weniger um eine optimierte Breitenversorgung. In der Tat wäre es bei einer empirischen Evidenz der These, wonach in jedem Alter 20 Prozent der Versicherten etwa 80 Prozent der Ausgaben ihrer Altersklasse verursachen, zumindest plausibel, die Gesundheitspolitik in besonderem Maß danach auszurichten.


Die Ergebnisse der Studie zeigen aber, dass in der untersuchten relevanten Gruppe der über 50-Jährigen die 20/80-Prozent- These nicht bestätigt werden konnte. Die Gesundheitsausgaben verteilen sich gleichmäßiger als bisher angenommen, wobei die Ungleichverteilung mit zunehmendem Lebensalter abnimmt beziehungsweise die Gleichverteilung zunimmt. Die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen ist viel stärker als bisher bekannt ein allgemein altersabhängiges Phänomen und keine Konzentration auf wenige Härtefälle.


Zusammen mit den Ergebnissen der vom WIP veröffentlichten Studie „Alter und steigende Lebenserwartung – Eine Analyse der Auswirkungen auf die Gesundheitsausgaben“ kristallisiert sich eine Tendenz heraus: Mit zunehmender Lebenserwartung geht ein deutlicher Anstieg der Gesundheitsausgaben einher.Viel stärker als durch einzelne teure Fälle werden die Gesundheitsausgaben davon bestimmt, dass die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen im hohen Lebensalter zum allgemeinen Phänomen wird. Dieser Effekt gewinnt noch an Bedeutung, wenn diese Personengruppen wie in Deutschland demografisch bedingt immer größer werden. Denn im Alter wird nahezu jeder zum Patienten des Gesundheitswesens.

fn

Die vollständige Studie ist im Internet unter www.wip-pkv.de/projekte verfügbar.
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