PKV Publik Ausgabe 06/2008
PKV UND PFLEGE
Pflege im 21. Jahrhundert – die wissenschaftliche Perspektive
Gastbeitrag von Prof. Dr. Adelheid Kuhlmey
Welche Herausforderungen birgt die steigende Zahl der Pflegebedürftigen für die Gesellschaft im 21. Jahrhundert? Diese Frage beantwortete die Direktorin des Instituts für Medizinische Soziologie, Prof. Dr. Adelheid Kuhlmey, auf der Mitgliederversammlung des PKV-Verbandes. Der folgende Text ist eine gekürzte Fassung ihres Vortrages.
Bereits heute ist die Bevölkerung Deutschlands eine der ältesten der Welt. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Tatsache, dass die demografische Wende bei uns bereits nach dem Jahr 2000 eintrat. Das heißt, dass schon zu diesem Zeitpunkt mehr über 60-Jährige als unter 20-Jährige in Deutschland lebten (Statistisches Bundesamt 2004). Ein weiterer Grund ist die Steigerung der allgemeinen Lebenserwartung. Die erwartbare Lebenszeit der Deutschen stieg stetig und beträgt heute bei Geburt über 81 Jahre für Frauen und über 75 Jahre für Männer. Der Trend der steigenden Lebenserwartung scheint anzuhalten. Damit wächst nicht nur die Zahl der älteren Personen über dem 60. Lebensjahr. Auch die Zahl der Hochaltrigen wird in den nächsten Jahrzehnten kräftig zunehmen. Gegenwärtig sind in Deutschland rund 2,9 Millionen Menschen 80 Jahre und älter; in zwanzig Jahren werden es rund 5,1 Millionen sein. Für das Jahr 2050 rechnet das Statistische Bundesamt mit knapp acht Millionen Menschen im Alter von 80 und mehr Jahren. Menschen über 80 Jahre stellen damit den am schnellsten wachsenden Teil der Bevölkerung dar. Ein langes Leben wird immer häufiger zur individuellen und sozialen Realität und das Erreichen eines Alters von über 80 bis 100 Jahren eher die Regel als die Ausnahme.
Gesundheitsentwicklung
Noch wird heftig darüber gestritten, in welchem Gesundheitszustand die Menschen die gewonnenen Lebensjahre verbringen. Zwei Thesen stehen sich in der Wissenschaft gegenüber: Nach der Kompressionsthese nimmt die Morbidität bei steigender Lebenserwartung ab. Die Zeitspanne zwischen dem Alter beim erstmaligen Ausbruch chronisch-irreversibler Erkrankung und dem späteren Sterbezeitpunkt wird kleiner. Die Medikalisierungsthese geht demgegenüber davon aus, dass die Gesamtmorbidität zunimmt. Es gelingt der kurativen Medizin – so das Argument der Befürworter der Medikalisierungsthese – immer besser, die mit chronischen Krankheiten einhergehenden Komplikationen in den Griff zu bekommen, also Leben zu verlängern, ohne jedoch das Voranschreiten der eigentlichen Krankheit anhalten zu können.
Einerseits häufen sich die Befunde, denen zufolge das handicapfreie Alter stärker als die gesundheitlich eingeschränkte Lebensphase wächst. Reiner Dinkel zeigte 1999 auf der Basis von Kohortendaten des Mikrozensus, dass der Gesundheitszustand der deutschen Bevölkerung sich verbesserte. Der Anteil der gesunden Jahre zwischen dem 59. und 77. Lebensjahr lag bei den 1907 Geborenen noch bei 72 Prozent, beim Jahrgang 1913 bereits bei 74 Prozent und beim Jahrgang 1919 dann bei 77 Prozent.
Andererseits erhöht die allgemeine Verlängerung des Lebens die Möglichkeiten einer Manifestation vormals latenter chronischer Krankheiten. Bei einer bundesweit repräsentativen Telefon-Befragung des Robert Koch Instituts im Jahr 2004 gaben in der Gruppe der ab 70-Jährigen 55 Prozent der Frauen und Männer an, unter einer chronischen Erkrankung oder Gesundheitsstörung zu leiden.
Mit steigendem Alter nimmt aber nicht nur das Vorkommen chronischer Krankheiten zu, sondern das Krankheitsgeschehen wird durch das Phänomen der Multimorbidität geprägt. Im Alterssurvey 2002 gaben 24 Prozent der über 70-Jährigen an, an fünf und mehr Erkrankungen zu leiden, während lediglich 7 Prozent keine Erkrankung aufwiesen.
Multimorbidität stellt wiederum ein erhöhtes Risiko für das Eintreten von Behinderungen sowie funktionellen Einbußen dar, die sich nicht einfach summieren, sondern oftmals in komplexer und synergetischer Weise verstärken. Insbesondere jenseits des 80. Lebensjahres kommt es in der Folge nicht selten zu Hilfeabhängigkeit und Pflegebedürftigkeit.
Pflegebedürftigkeit
Pflegebedürftigkeit ist ein Zustand höchster körperlicher, psychischer und sozialer Vulnerabilität, der dazu führt, dass der Lebensalltag dauernd nur mit fremder Hilfe aufrechterhalten werden kann. Die schwerwiegendsten Einschränkungen in den Alltagsverrichtungen zeigen sich beim Duschen/Waschen, gefolgt von An- und Ausziehen, der Toilettennutzung und der Nahrungsaufnahme. Das Ausmaß dieser Einschränkungen zeigt sich in Studien aus der stationären Versorgung pflegebedürftiger Menschen sehr deutlich. Fast 90 Prozent der Bewohner haben Schwierigkeiten mit dem Duschen und Waschen. Schwierigkeiten beim An- und Ausziehen, Wasser/Stuhl halten, alleinigem Toilettenbesuch und im Zimmer Umhergehen weisen jeweils mehr als 50 Prozent der Bewohner auf und knapp 40 Prozent können nicht mehr eigenständig Essen und Trinken. Neben diesen Beeinträchtigungen, die vor allem den Bereich der Mobilität umfassen, leiden Pflegebedürftige unter ihrer eingeschränkten kognitiven Leistungsfähigkeit.
Immer mehr Menschen werden solche Zustände bewältigen müssen. Schon derzeit leben in Deutschland 2,1 Millionen Pflegebedürftige und bereits bis zum Jahr 2020 – so die Prognose des Statistischen Bundesamtes – steigt ihre Zahl auf 2,8 Millionen an. Modellrechnungen zufolge wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2040 um insgesamt 60 Prozent erhöhen.
Lebensqualität
Die steigende Zahl Pflegebedürftiger stellt uns im 21. Jahrhundert vor zahlreiche Herausforderungen. Um künftig trotz Pflegebedürftigkeit Lebensqualität zu erhalten, sind bestimmte Entwicklungen zwingend notwendig:
- Mehr Lebensqualität könnten wir erreichen, wenn die Anstrengungen zur Prävention von Pflegebedürftigkeit intensiviert würden. Im Alter werden Maßnahmen zur Erhaltung bereits beeinträchtigter Gesundheit und Funktionsfähigkeit gebraucht, um Ausweitungsgefahren von chronischer Krankheit und auch Pflegebedürftigkeit zu begrenzen.
- Mehr Lebensqualität verspricht auch die qualitative Weiterentwicklung der ambulanten Pflege. Ein bloßer quantitativer Ausbau nach dem Motto „Immer mehr vom immer Gleichen“ löst die Probleme nicht. Wir brauchen neue Konzepte, die eine Ausdifferenzierung der Angebote entlang der Bedarfe erlaubt.
- Eine Modernisierung der Heimversorgung könnte mehr Lebensqualität für Pflegebedürftige ergeben. Heime sind längst Stätten der Pflege und Krankheitsbewältigung in den Spät- und Endstadien chronischer Krankheit beziehungsweise am Lebensende geworden.
- Zur Zukunft der Pflege gehört die Unterstützung von Familien und pflegenden Angehörigen. Die Sicherstellung der pflegerischen Versorgung ist künftig entscheidend davon abhängig, inwieweit es gelingt, gemischte Pflegearrangements herzustellen und trotz der schwierigeren Bedingungen zu einem produktiven Zusammenwirken von professioneller und informeller Hilfe zu gelangen.
- Case- und Care-Management sind Elemente zukünftiger Pflege, um die Kontinuität der Versorgung sicherstellen zu können und zu einer patientenorientierten Steuerung der oft lang andauernden Pflege zu gelangen.
- Qualitativ hochwertige und nutzerfreundliche Arbeitsweisen sind Stichworte, die die Lebensqualität Pflegebedürftiger in den Mittelpunkt stellen: Die Nutzerorientierung findet im Rahmen der Qualitätsbemühungen in der Pflege noch immer zu wenig Beachtung. Was wissen wir heute schon darüber, was ein Betroffener unter „guter Pflege“ versteht?
- Beratung kann einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Nutzerposition und zu mehr Lebensqualität leisten. Die bereitgestellten Informationen müssen dann aber jederzeit erreichbar, leicht zugänglich, zielgruppenspezifisch zugeschnitten und verständlich aufbereitet sein. Die Schaffung von Informationsangeboten allein ist nicht ausreichend. Viele ältere Menschen benötigen zudem eine Instanz, die ihnen bei der Entscheidungsfindung behilflich ist und die darüber hinaus anwaltschaftliche Funktionen auf dem Weg durch die Pflege- und Versorgungslandschaft übernimmt.
Fazit
Der demografische Wandel hat das Gesundheitsniveau beziehungsweise Krankheitsgeschehen verändert. Dieser Veränderungsprozess wird sich fortsetzen. Die Auffassung, wir könnten vor diesem Hintergrund alle mit anhaltender Kontrolle über die eigene Situation leben, gute Lebensbedingungen stets bewahren, immer weiter intelligent und leistungsfähig bis ins höchste Alter sein, hat eine Utopie entstehen lassen, die weder die Medizin, noch die Pflege, noch die Gesellschaft oder das Individuum einlösen können. Wer meint, allen Krankheiten vorbeugen zu können, wer jedes Leiden zu heilen anstrebt, der verliert im Alter seine eigene Souveränität. Pflegebedürftigkeit im 21. Jahrhundert zu bewältigen heißt, die jeweils vorhandenen Potenziale der alt werdenden Frauen und Männer zu unterstützen und nicht der zum Scheitern verurteilten Vision, einen Zustand X bis zum Lebensende erhalten zu wollen, hinterher zu jagen.
Literatur zum Thema stellt die Verfasserin auf Wunsch gerne zur Verfügung. Kontakt: www.charite.de/medsoz