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PKV Publik Ausgabe 06/2007

PRESSESCHAU

„Bei uns wäre ich längst tot“

Im deutsch-holländischen Grenzgebiet herrscht reger „Patienten-Grenzverkehr“. Viele Niederländer loben das schnelle und zuverlässige deutsche Versorgungssystem. Mittlerweile kooperieren auch Krankenkassen.

Die Diskussion der Deutschen über ihren medizinischen Standard beobachten viele Niederländer mit einem gewissen Unverständnis. Für sie zählt das deutsche Gesundheitswesen mit zum Besten, was ein Patient überhaupt bekommen kann. „Bis ich bei uns an den richtigen Arzt gerate, bin ich längst tot“, kommentiert der 61-jährige Karl das niederländische Gesundheitssystem mit Galgenhumor. Der Mann wohnt im niederländischen Vaals bei Aachen. Seit vier Jahren geht er nach Aachen zum Arzt – und ist hochzufrieden. So wie er machen es tausende seiner Landsleute im Aachener Grenzland.


„Es gibt einen regen Grenzverkehr bei den Patienten“, sagt Norbert Prümmer. Er leitet die AOK-Geschäftsstelle in Vaals. Sie hat den vielsagenden Namen „Europa“. Europa sei der Leitgedanke gewesen, als die AOK und die größte niederländische Krankenkasse, die CZ Groep, vor rund sechs Jahren ein Kooperationsabkommen schlossen. Danach dürfen sich die CZ-Versicherten bei deutschen Ärzten behandeln lassen – Zahnbehandlung ausgeschlossen, weil die bei den Niederländern nicht zu den Regelleistungen gehört.


Karl aus Vaals hat eine sogenannte Jahreskarte, die man dazu braucht. Und er ist froh darüber. „Bei uns wird man von Hüh nach Hott geschickt“, beschreibt er die Situation daheim. Will er beispielsweise zum Internisten, muss er beim Hausarzt eine Überweisung holen. Wer bei „Hausarzt“ an den deutschen Hausarzt denkt, der einen schon lange kennt und dem man vertraut, liege falsch. „Da hol ich nur die Überweisungen ab oder Rezepte für Medikamente“, sagt der 61-Jährige.


Fachärzte praktizieren nur in Krankenhäusern. Auf einen Termin, etwa beim Internisten, müsse er Monate warten, erzählt der Mann. „Wenn du dann untersucht wirst, kommt der Assistent vom Assistenten. Dann wirst du nach Hause geschickt und musst warten. Dann musst du wieder hin, hast wieder einen anderen Arzt, der dann sagt, dass man für eine weitere Untersuchung zu einem anderen Arzt muss“, beschreibt er eine Odyssee.


Seine deutsche Ärztin Marion Ries hört die Klagen von Niederländern häufig. Immerhin wohnt jeder fünfte, der in ihre Aachener Praxis kommt, jenseits der Grenze. „Schlechte Versorgung, es kümmert sich keiner, Wartezeiten zu lang“, gibt die zweite Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in Aachen die Kritik wieder.


In der Diskussion über die medizinische Versorgung in Deutschland ist sie zwiegespalten. Den Niederländern sagt sie: „Genießen Sie es, solange es noch geht. Wer weiß, wohin wir in Deutschland steuern.“ Die Patientenversorgung sei jetzt im Vergleich zu anderen europäischen Ländern noch gut. Die Situation der Ärzte sei aber schlecht. Und das werde sich auch auf die Patientenversorgung auswirken. „Wenn die Kollegen keine Möglichkeit sehen, dass sich die Situation verbessert, dann sind wir nicht weit von Systemen in anderen Ländern entfernt.“ Dann sei absehbar, dass sie nur noch das tun, was man ihnen bezahlt.


Der 61-jährige Karl sieht keinen Grund, sich zu sorgen. Das System in Deutschland ist aus seiner Sicht so „phantastisch“, dass bis zum niederländischen Standard viel Puffer bleibt. „Hier bekomme ich direkt alle Untersuchungen, die ich brauche“, sagt er. Und was für ihn mindestens genauso wichtig ist: Er bekommt eine schnelle Diagnose. „Ich gehe mit einem ruhigen Gefühl nach Hause und weiß, was Sache ist.“

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