PKV UND WISSENSCHAFT
In der Medizin stehen wir heute vor zwei grundlegenden Fragen: Zum einen, mit welchen Innovationen der Diagnostik und Therapie wir in den nächsten fünf bis zehn Jahren rechnen können. Und zum anderen, wie zukünftig die Finanzierbarkeit mit dem derzeitigen Umverteilungssystem in der gesetzlichen Krankenversicherung sichergestellt werden kann.
Im Sinne des Sozialgesetzbuches V – Gesetzliche Krankenversicherung – Paragraf 12 sollen die Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein. Sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten. Hier ist von vornherein ein Dilemma zu erkennen, denn in der Hochleistungsmedizin wird ständig die Frage nach der modernsten und innovativsten Form der Diagnostik und Behandlung gestellt. Diese Forderung wird nicht nur von den Ausübenden, sondern zunehmend auch von den Patienten erhoben.
Heute sind Operationsverfahren denkbar, die es vor 30 oder 40 Jahren noch nicht gegeben hat: Die mikroinvasive und roboterunterstützte Chirurgie hat dazu geführt, dass viele Operationen heutzutage überhaupt erst machbar sind. Gleichzeitig sind sie schonender für den Gesamtorganismus. In Zukunft wird es neue Möglichkeiten in der Behandlung von Herz-Kreislauferkrankungen geben. Hochpräzisionsinstrumente werden – wie zum Teil schon in der Neurochirurgie praktiziert – weiter Einzug in die Chirurgie halten. Die Entwicklung derartiger Geräte wird Kosten verursachen, die die bisherige Kalkulation vermutlich weit übersteigen werden.
Die Krebsbehandlung wird sich neben der Chemotherapie, der hoch differenzierten Strahlentherapie und den verfeinerten Chirurgietechniken mehr der spezifischen Tumortherapie zuwenden. Die Entwicklung dieser Antikörper ist so teuer, dass die Medikamente ein Vielfaches der heutigen Zytostatika kosten werden.
In Teilbereichen gibt es bereits Organersatz durch omnipotente oder pluripotente Stammzellen, so in der Dermatologie und beim Knorpelersatz. Auf diesem Gebiet wird es in den nächsten Jahren vermutlich eine stürmische Weiterentwicklung geben.
Ein völlig anderer Bereich von Innovationen wird in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zunehmend Realität werden: die Impfungen zum Schutz vor Krankheiten wie Krebs. Die kürzliche Einführung der Impfung für zwölfjährige Mädchen gegen Papilloma-Viren, den bekannten Erreger des Zervix-Karzinoms, könnte eine weltweite Vermeidung dieser Krebserkrankung zur Folge haben. Die Kosten dieser flächendeckenden Prävention sind allein für Deutschland, wo diese Impfung jetzt zugelassen ist, auf 3,5 Milliarden Euro hochgerechnet worden.<(p>
Es ist leicht erkennbar, dass unter Beibehaltung des Anteils, den jeder Bürger zu zahlen hat, diese immer teurer gewordene und werdende Medizin nicht leistbar ist. Es ist eine Frage an die Gesellschaft und an die Politik, ob man moderne Medizin für den Bürger realisieren will. Dies ist erreichbar durch den Wegfall von Bereichen der Grundversorgung. Der Ruf nach der Selbstbeteiligung, sozial abgefedert, ist vielfach diskutiert worden. So unpopulär ein solcher Vorschlag ist, erscheint kaum eine andere Alternative zu existieren.
Ein rationaler Umgang mit den Herausforderungen, die die Innovation an die Medizin darstellen, könnte darin liegen, Gesundheitseinrichtungen zu zentralisieren. Gelingt es, ein Zentrum so zu strukturieren, dass in einer logistisch durchorganisierten Form ein kranker Patient in kürzester Zeit mit geringstem Aufwand diagnostisch und therapeutisch versorgt wird, wird eine optimale Nutzung der Ressourcen sehr viel eher möglich.
Die Medizin wird sich durch innovative Entdeckungen weiter entwickeln. Neue Möglichkeiten werden praktiziert werden, und die Gesellschaft wird die Anwendung auch für sich selbst einfordern. Zurzeit noch undenkbare Möglichkeiten werden realisiert werden. Die Gesundheitssysteme werden sich darauf einstellen müssen. Mit den Kostenexplosionen gilt es, den sozialen Ausgleich umzusetzen. Auch sozial schwache Gesellschaftsstrukturen müssen mit den Neuentwicklungen versorgt werden. Dieses ist nur realisierbar, wenn eine sozial verträgliche Umverteilung politisch akzeptiert wird.