PKV Publik Ausgabe 05/2008
PRÄVENTION
Alkoholmissbrauch: Probates Mittel Prävention
Die Unternehmen der privaten Krankenversicherung engagieren sich in den kommenden Jahren in der Prävention von Alkoholmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen
(siehe PKV Publik 3/2008). Das Wissenschaftliche Institut der PKV (WIP) hat die Fachliteratur zu den Folgen von Alkoholkonsum sowie den Maßnahmen zu dessen Begrenzung gesichtet.
Alkoholische Getränke sind in Deutschland, wie auch in vielen anderen Ländern, ein fester Bestandteil des Alltags. Der Konsum von Alkohol ist hierzulande gesellschaftlich anerkannt, zu bestimmten Anlässen hat sich eine Trinkkultur fest etabliert. Der Pro-Kopf-Verbrauch von alkoholischen Getränken in Deutschland ist nach dem 2. Weltkrieg gestiegen, sinkt aber seit 1990 wieder etwas. Im Jahre 2006 lag der Pro-Kopf-Verbrauch von reinem Alkohol bei 10,1 Liter. Der tägliche Alkoholkonsum in Deutschland unterscheidet sich nach den Geschlechtern: Während Männer 15,06 Gramm Alkohol pro Tag aufnehmen, sind es bei den Frauen nur 4,06 Gramm. Zudem dominiert bei den Männern Bier als Getränk, während die Frauen Wein bevorzugen. Der Alkoholkonsum ist über alle soziale Schichten hinweg verbreitet. Die obere Sozialschicht trinkt etwas weniger Bier, dafür aber deutlich mehr Wein, so dass sie mit 17,9 Gramm Alkohol (bei Männern) pro Tag sogar mehr konsumiert als die niedrige soziale Schicht (14,06 Gramm bei Männern). Bei Frauen nimmt der Alkoholkonsum in noch größerem Maße mit steigender sozialer Schicht zu. Die Konsumgewohnheiten für Alkohol ändern sich in Abhängigkeit vom Alter: Während in jungen Jahren temporär und dafür exzessiv getrunken wird, werden mit steigendem Lebensalter eher kontinuierlich kleinere Mengen zu sich genommen.
Positive Effekte bei moderatem Konsum?
Teilweise wird der regelmäßige oder anlassbezogene Konsum von alkoholischen Getränken damit relativiert, dass moderater Alkoholkonsum auch positive Wirkungen auf den Organismus zeige. Diese Auffassung liegt in verschiedenen Studien begründet, in denen ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen bei Personen mit geringem Alkoholkonsum als bei Abstinenzlern gefunden wurde. Weitere Untersuchungen zeigten allerdings, dass diese Sichtweise zumindest differenziert betrachtet, möglicherweise sogar von ihr Abstand genommen werden muss: Zum einen zeigten Studien, dass der schützende Herz-Kreislauf-Effekt nur bei Personen ab dem mittleren Lebensalter auftritt. Hierbei scheint der positive Einfluss von geringen Alkoholmengen insbesondere bei Personen aufzutreten, die bereits kardiovaskuläre Erkrankungen in der Vergangenheit hatten oder an Altersdiabetes leiden. Jüngere Menschen, die diese Voraussetzungen in der Regel nicht mitbringen, können ihr Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen dagegen kaum verringern. Zum anderen konterkariert das höhere Unfall- und Kriminalitätsrisiko vermutlich die geringen positiven Herz-Kreislauf-Effekte. Aber selbst bei Erwachsenen scheint die positive Wirkung von moderaten Alkoholmengen vielfach überschätzt zu werden. In jedem Fall ist von einer Verminderung anderer Risikofaktoren wie Rauchen, körperlicher Inaktivität und Übergewicht eine stärkere Reduzierung des kardiovaskulären Risikos zu erwarten.
Möglichkeiten der Konsumeinschränkung
Mittel der ersten Wahl zur Vermeidung von Alkoholkrankheiten ist naturgemäß der Verzicht auf Alkohol. Auf die möglichen Folgen des Alkoholkonsums kann mit Hilfe von Informations- und Aufklärungskampagnen hingewiesen werden. Eine Beeinflussung des Alkoholkonsums kann im Weiteren über staatliche Eingriffe erfolgen. Möglich sind ein Alkoholverbot für verschiedene Altersgruppen, zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Lokalitäten sowie die Besteuerung alkoholischer Getränke. Ein Einfluss auf den Alkoholkonsum kann zudem über ein restriktives Alkoholregime im Straßenverkehr genommen werden. So kann versucht werden, den Alkoholkonsum durch eine Nullpromillegrenze in Verbindung mit hohen Strafen bei Fahren unter Alkoholeinfluss zu beeinflussen.
Laut einer Metaanalyse von Babor im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation sind hier auch Präventionsmaßnahmen in außerordentlichem Maße anzuraten. Gerade bei jüngeren Menschen ist ein größerer Teil der Alkohol-Todesfälle eine Folge von Unfällen, der Verlust an Lebensjahren ist hier besonders groß. Allerdings setzt die sekundäre Prävention bislang oft dabei an, den Betroffenen zu verdeutlichen, welche gesundheitlichen Risiken sie mit ihrem höheren Alkoholkonsum eingehen. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass Maßnahmen, die das Risiko eines Missbrauchs in den Vordergrund stellen, wenig erfolgreich sind. Kampagnen können Menschen bei ihren positiven Bedürfnissen, nicht aber bei ihren Ängsten erreichen.
Wirksamkeit und Nutzen der Einschränkung von Beschaffungsmärkten
Inwieweit ein Verbot von Alkohol hilft, den Alkoholkonsum zu verringern und alkoholbedingte Krankheiten im Ansatz zu bekämpfen, kann aus Beobachtungen während der Prohibition in den USA (1920 bis 1933) abgelesen werden. Verschiedenen Studien zufolge gingen in diesem Zeitraum die Todesfälle von Leberzirrhose um 20 bis 50 Prozent zurück. Bei der Alkoholprohibition ist aber mit einem Anstieg von kriminellen Handlungen zur Beschaffung oder Herstellung von Alkohol zu rechnen. Um die Überwachung zu gewährleisten, benötigt es einen ausgebauten Überwachungs- und Polizeiapparat sowohl innerhalb des Landes als auch an seinen Außengrenzen. Unabhängig davon, ob dies in einem geeinten Europa überhaupt praktikabel ist, scheinen bei einer solchen Maßnahme die negativen Folgen deutlich zu überwiegen. Zudem ist Alkohol eng in das kulturelle und gesellschaftliche Leben eingebettet, so dass ein staatliches Verbot individuellen Präferenzen in erheblichem Maße zuwiderlaufen würde. Ein solcher paternalistischer Eingriff ruft Grundsatzdiskussion über die Rolle des Staates in einer Demokratie hervor.
Wie Babor zeigt, stellt eine höhere Besteuerung von Alkohol ein wirksames Element zur Nachfragereduzierung und zur Eindämmung von Alkoholkrankheiten dar. Demnach führt ein höherer Preis zu einem niedrigeren Konsum, insbesondere bei jüngeren Menschen sowie denen aus niedrigerer sozialer Schicht. Die Besteuerung sollte aber nicht prohibitiv hoch sein, damit die Produktion, der Handel und der Konsum weiterhin im legalen Sektor verbleiben. Die Erfahrungen mit dem Zigarettenmarkt zeigen auch in Deutschland die Grenzen solcher Maßnahmen auf.
Ponicki und Gruenewald zeigen in einer amerikanischen Studie, dass die Todesfälle aufgrund von Leberzirrhose insbesondere durch eine höhere Besteuerung von Spirituosen verringert werden können. Einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Leberzirrhose und der Besteuerung von Wein und Bier konnten sie nicht feststellen. Dies könnte auch ein Verweis darauf sein, dass vor allem der Konsum von Spirituosen gesundheitsschädigend wirkt. Dies stimmt auch mit der Beobachtung überein, dass eine niedrige Lebenserwartung insbesondere in Ländern mit exzessiver Spirituosen-Trinkkultur (wie Russland) und nicht in Ländern mit Wein-Trinkkultur (Frankreich oder Italien) anzutreffen ist.
Ebenfalls gut wirksam ist – laut Babor – ein gesetzliches Mindestalter für den Erwerb von alkoholischen Getränken. Entsprechende Regeln gibt es in Deutschland zwar bereits (16 Jahre bei Bier und Wein, 18 bei Spirituosen). Der hohe Alkoholkonsum von Jugendlichen lässt aber vermuten, dass es an der Durchsetzung mangelt.
Moderat wirksam nach Babor ist die Einschränkung von Ladenöffnungszeiten und eine verringerte Verkaufsdichte. In Schweden ist es beispielweise nur einem staatlichen Monopolanbieter erlaubt, alkoholische Getränke im Einzelhandel zu verkaufen. In manchen Ländern (wie USA, Südafrika, Australien) werden Ausschanklizenzen restriktiv vergeben. So kann sowohl auf die Menge der Verkaufsstellen als auch auf ihre regionale Dichte Einfluss genommen werden.
Fazit
Alkoholgenuss kann das Erkrankungsrisiko deutlich erhöhen. Bemerkenswert ist die Vielzahl von indirekt durch erhöhten Alkoholkonsum verursachten Todesfällen, zum Beispiel als Folge von Unfällen in jungen Lebensjahren. Die Zahl der Todesfälle, bei denen Alkohol indirekt am Tod beteiligt war, übersteigt die Zahl derjenigen, bei denen Alkohol als Haupttodesursache gilt. Solange Alkohol Bestandteil der Kultur einer Gesellschaft ist, sind die Möglichkeiten von Markteingriffsinstrumenten begrenzt. Es bleibt vornehmlich die Prävention mit dem Ziel, den eigenverantwortlichen Umgang mit Alkohol zu verbessern.
wi
Nutzen und Wirksamkeit verschiedener Präventionsmaßnahmen hat das WIP im Diskussionspapier 6/07 dargestellt. Dieses kann über die Internetseite www.wip-pkv.de aufgerufen werden.