Die Studie des WIP befasst sich mit der Frage,wie sich die steigende Lebenserwartung auf die Ausgaben im Gesundheitssystem auswirkt. Unter anderem gilt es dabei zu klären, ob es eine Kompression oder eine Medikalisierung im Gesundheitswesen gibt. Die Kompressionsthese geht davon aus, dass sich Krankheiten bei steigender Lebenserwartung immer mehr ins hohe Alter verschieben. Die gewonnenen Jahre würden dabei vermehrt in Gesundheit verbracht. Dagegen geht die Medikalisierungsthese davon aus, dass die durch die steigende Lebenserwartung gewonnenen Jahre zunehmend in Krankheit verbracht werden. Welche Entwicklung sich tatsächlich abspielt, ist bisher empirisch nicht ausreichend untersucht. Da dies gerade auch für die Finanzierung und Ausgestaltung des Gesundheitssystems von entscheidender Bedeutung ist, wurden in der Studie erstmals die Gesundheitsausgaben von 1,2 Millionen privat Krankenversicherten analysiert. Es liegen Daten für einen Zeitraum von zehn Jahren vor.
Trennung zwischen Lebensqualität und monetärem Bereich
Es ist entscheidend, dass bei der Frage nach der Existenz von Kompression oder Medikalisierung im Gesundheitswesen eine Trennung zwischen dem Bereich der Lebensqualität und dem monetären Bereich durchgeführt wird. Viele Studien beschreiben eine Kompression auf der Lebensqualitätsebene. Die Menschen verbringen demnach immer mehr Zeit in relativer Gesundheit. Dieser Befund lässt sich aber nicht auf die Finanzierung des Gesundheitswesens übertragen. Hier kommt es allein auf die monetären Auswirkungen an, mit denen sich die Frage nach dem geeigneten Finanzierungsverfahren verbindet. Ausgabenanstieg in jedem Lebensalter Die Analyse der Entwicklung der Ausgabenprofile ergibt fast durchweg einen Anstieg der Ausgaben im Zeitablauf in den Altersklassen aller Versicherten. Dieser Anstieg findet sich sowohl in den Daten des privaten Krankenversicherers als auch in den vergleichsweise herangezogenen Risikostrukturausgleichs-Daten der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV). Die beiden Abbildungen 1 (unten) und 2 (nächste Seite oben) zeigen getrennt nach Männern und Frauen die Leistungsausgabenprofile der Jahre 1995 bis 2004 für den ambulanten und den stationären Bereich in der privaten Krankenversicherung (PKV). Diese Ausgabenprofile der Versicherten sind von rechts nach links mit den Jahren aufsteigend angeordnet. Das älteste Profil aus dem Jahr 1995 ist auf der rechten Seite der Abbildung zu sehen. Auf der Ordinate sind die Durchschnittsausgaben pro Kopf einer Altersklasse angegeben. Die Abbildungen zeigen in allen betrachteten Jahren den typisch mit dem Alter ansteigenden Verlauf. Betrachtet man die Entwicklung der gleichen Altersklassen von 1995 bis 2004, so ist zu erkennen, dass es im Zeitablauf einen kontinuierlichen Anstieg der Ausgaben in allen Altersklassen gibt. Vergleicht man die Ausgaben des Anfangsjahres 1995 mit denen von 2004 für jedes Lebensalter, so lässt sich errechnen, wie viel die Versicherten in jeder Altersklasse im Durchschnitt mehr an Gesundheitsausgaben benötigt haben. Abbildung 3 (unten) zeigt den Zuwachs innerhalb der betrachteten zehn Jahre für alle Altersgruppen. Man erkennt, dass sich zum Beispiel die Ausgaben für 40-44jährige Männer um 324 Euro erhöht haben, für gleichaltrige Frauen um 472 Euro. Der Anstieg bei den Älteren fällt deutlich höher aus. So sind die Ausgaben bei den 85-89jährigen Männern um 2.233 Euro und die der 85-89jährigen Frauen im Beobachtungszeitraum um 2.270 Euro gestiegen. Es zeigt sich durchweg eine Zunahme der durchschnittlichen Gesundheitsausgaben. Damit lässt sich auf der monetären Ebene eine Medikalisierung feststellen. Es bleibt die Frage zu beantworten, wie die Ergebnisse sich unter Herausrechnung von Preissteigerungen verändern.
Berücksichtigung der Inflation
Um inflationäre Einflüsse zu berücksichtigen, scheint nach eingehender Prüfung die allgemeine Inflation der beste Vergleichsmaßstab. Der Vergleich zeigt, dass die Steigerungen der Gesundheitsausgaben über der Inflationsrate liegen. Dies trifft besonders im hohen Alter zu. So lässt sich eine inflationsbereinigte monetäre Medikalisierung feststellen. Da diese Steigerungen über der Inflation liegen, kann gefolgert werden, dass die Patienten in der Regel mehr Leistungen oder teurere Leistungen bei gleichem Lebensalter erhalten haben. Mit der höheren Lebenserwartung ist also mitnichten eine reduzierte Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen in jungen Jahren und/oder die Verlagerung der hohen Kosten in die zusätzlich gewonnenen Jahre verbunden. Viemehr sind die Kosten und die Inanspruchnahme von Leistungen in allen Altern gestiegen.
Aufteilung in Ausgaben für Überlebende und Verstorbene
Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit lag auf der Analyse der Kosten in der letzten Lebensphase, den sogenannten Sterbekosten. Die Frage nach der Gültigkeit der Kompressions- oder der Medikalisierungsthese ist eng mit der Bedeutung der Kosten vor dem Tod verbunden. Tritt Krankheit nur komprimiert direkt vor dem Tod auf, sind die Sterbekosten die entscheidenden Gesundheitsausgaben. Verfolgt man die Gesundheitsausgaben einer Person im gesamten Lebensverlauf, zeigt sich ein starker Anstieg in der allerletzten Phase. Die höchsten Gesundheitsausgaben fallen in der Regel kurz vor dem Tod an. Je stärker dieser Effekt ist, desto flacher müssen die Ausgabenprofile über die gesamte Lebenszeit verlaufen, wenn die Kosten vor dem Lebensende herausgerechnet Ausgaben in weiterer Entfernung zum Lebensende In Abbildung 4 (oben) sind den Profilen, die alle Ausgaben enthalten, jene Profile gegenübergestellt, in denen Ausgaben, die innerhalb des letzten Lebensjahres auftreten, nicht enthalten sind. Es zeigt sich, dass die Ausgaben in größerer Entfernung zum Lebensende weiterhin einen starken Anstieg mit dem Lebensalter aufweisen. Sie haben somit ebenfalls eine große Bedeutung.Auch diese Ausgaben wachsen im Zeitablauf. Vergleicht man die Ausgaben im letzten Lebensjahr bei Personen mit unterschiedlichem Sterbealter, ist ein fallender Verlauf mit dem Sterbealter festzustellen. Mit dieser Beobachtung wird die Hoffnung verbunden, dass die steigende Lebenserwartung und der damit verbundene spätere Sterbezeitpunkt zu sinkenden Gesundheitsausgaben führen können. Entwicklung der Gesundheitsausgaben in der letzten Lebensphase Abbildung 5 (nebenstehend) stellt den Verlauf der Kosten in Abhängikeit vom Sterbealter für die Jahre 1995 und 2004 dar. Eine Analyse dieser Sterbekosten im Zeitablauf zeigt, dass die Sterbekosten bei allen Sterbealtern von 1995 bis 2004 gestiegen sind. Die Kurve der Kosten innerhalb des letzten Lebensjahres des Jahres 2004 liegt deutlich über der Kurve von 1995. Die Abbildung 5 zeigt die durchschnittlichen Sterbealter der betrachteten Versicherten. Im Jahr 1995 verstarben die Versicherten im Durchschnitt mit 80,23 Jahren. Diesem Sterbealter würden hypothetische Ausgaben im letzten Lebensjahr von 17.000 Euro gegenüberstehen. Im Jahr 2004 lag das durchschnittliche Sterbealter schon bei 82,78 Jahren. Nun würden hypothetische Ausgaben von 23.100 Euro anfallen. So findet keine „Wanderung“ nach unten auf der Kurve von 1995 statt, sondern im Zeitablauf verändert sich die Kurve. Die scheinbare Reduktion der Ausgaben durch die fallende Kurve zu einem bestimmten Zeitpunkt wird durch den Anstieg der Ausgaben im Zeitablauf weit mehr als aufgewogen.
Fazit
Eine Analyse der Ausgabenentwicklung von 1,2 Millionen PKV-Versicherten und den GKV-Versicherten hat ergeben, dass die Gesundheitsausgaben bei steigender Lebenserwartung unvermindert gewachsen sind. Die erhoffte Reduktion der Ausgaben durch gesündere Versicherte und eine Verschiebung der Krankheit ins höhere Alter oder sogar durch eine Kompression der Krankheit vor dem Tod zeigt sich nicht. Auch wenn über den Gesundheitszustand der Versicherten hier keine Aussagen gemacht werden können, zeigen die Daten doch eine wachsende Nachfrage nach medizinischen Leistungen in allen Altersklassen. Verbunden mit der Zunahme an Menschen im fortgeschrittenen Alter kommt es so zu einem doppelten Nachfrageeffekt. Einerseits nimmt die Anzahl der Nachfrager zu, andererseits steigt die Inanspruchnahme je Person. Bei einer steigenden Zahl von alten und sehr alten Menschen kommt auf das Gesundheitssystem und auf die Gesellschaft damit eine große Belastung zu, die es zu meistern gilt.
fn
Die Studie ist im Internet unter
www.wip-pkv.de/Projekte.5.0.html abrufbar.