ARZNEIMITTEL
In der Arzneimittelverbrauchsforschung ist bislang nur unzureichend analysiert worden, inwiefern sich systembedingte Divergenzen von PKV und GKV auch auf die Verordnungsmenge auswirken. So konnte bis dato noch keine Aussage darüber getroffen werden, inwieweit privat Krankenversicherte mehr oder weniger Tagesdosen an Arzneimitteln erhalten. Für eine aussagekräftige Bewertung der Versorgungsqualität und eine Ausrichtung eines Arzneimittel- und Gesundheitsmanagements sind solche Informationen allerdings unabdingbar.
Um entsprechende Fragestellungen zu beantworten, untersuchte das WIP deshalb erstmals 5,6 Millionen Arzneiverordnungsdaten des Jahres 2005 von mehr als einer Million PKV-Versicherten. Die Vergleichswerte für die GKV wurden dem Arzneiverordnungsreport entnommen. Dargestellt werden im Folgenden die Ergebnisse der Analyse für zwei umsatzstarke Wirkstoffgruppen.
Als bestes Maß, um den Arzneimittelverbrauch zu ermitteln, gilt die Kennzahl der definierten Tagesdosen („definied daily dose“, DDD). Addiert man die Tagesdosen aller Medikamente einer Versicherten- oder Altersgruppe, erhält man die zugehörige Menge der verordneten Arzneimittel. Dabei spielt es keine Rolle, zu welchem Preis dieser Wirkstoff erworben wurde.
Die definierte Tagesdosis eines Wirkstoffs wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegt und vom Deutschen Institut für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) für den deutschen Markt angepasst. Sie gibt die Menge eines Wirkstoffes wieder, die ein Erwachsener (bei einigen Präparaten auch ein Kind) bei der Behandlung der Hauptindikation des Wirkstoffs im Durchschnitt erhält. Die DDD ist als rein rechnerische Kennzahl anzusehen und kann bei einer Reihe von Patienten von der empfohlenen Menge abweichen.
Für die Analyse wurde die Menge der verordneten Tagesdosen einer Wirkstoffgruppe bei privat Versicherten für jedes Alter berechnet und mit den Werten der GKV verglichen.
Bei den ausgewerteten PKV-Daten handelt es sich um die eingereichten Arzneimittelrechnungen. Es ist davon auszugehen, dass gerade im jüngeren und mittleren Alter eine Reihe von Rechnungen nicht zur Erstattung vorgelegt wird, da ein Selbstbehalttarif besteht oder eine Beitragsrückerstattung angestrebt wird.
In der ersten Untersuchung werden die lipidsenkenden Mittel betrachtet. Diese Arzneimittel verringern den Anteil der Blutfette und werden insbesondere zur Senkung der Cholesterinwerte verordnet. Hohe Blutfettwerte sind ein typisches Phänomen des Alters, die verordnete Zahl an Tagesdosen nimmt entsprechend mit den Lebensjahren zu. Zu den lipidsenkenden Mitteln zählen zum Beispiel Präparate mit den Wirkstoffen Atorvastatin, Simvastatin, Fluvastatin und Lovastatin. Das entsprechende Profil mit den durchschnittlichen Werten pro Versicherten zeigt die Abbildung 1 unten.
Bis zum 63. Lebensjahr zeigt die Grafik eine leicht höhere Zahl an Tagesdosen bei der GKV. Im hohen Alter liegen dann aber die privat Versicherten deutlich über den Kassenpatienten. Während ein 70- bis 80-jähriger PKV-Versicherter im Jahresdurchschnitt zwischen 100 und 120 Tagesdosen an Lipidsenkern erhält, werden einem Kassenpatienten im Durchschnitt nur bis zu 80 Tagesdosen verordnet.
Eine zweite Analyse widmet sich den Betablockern, Calziumantagonisten und den Angiotensin-Hemmstoffen. Dazu zählen zum Beispiel die Wirkstoffe Metoprolol, Carvedilol, Amlodipin und Captopril. Die in dieser Gruppe zusammengefassten Medikamente werden überwiegend bei Bluthochdruck verordnet.
Nach Schätzungen haben in Deutschland zwischen 15 und 20 Millionen Menschen einen erhöhten Blutdruck, wobei der Anteil mit steigendem Alter zunimmt. Dies ist auch an der Gesamtzahl der Tagesdosen der entsprechenden Medikamente, dargestellt in Abbildung 2 unten, erkennbar.
Die Menge an verordneten Tagesdosen erhöht sich sowohl in der PKV als auch in der GKV mit dem Alter erheblich. Bis zum 70. Lebensjahr liegt die verordnete Menge der betrachteten Arzneimittel in der PKV noch etwas unter den GKV-Werten. Ab dem 71. Lebensjahr ergeben sich für die PKV-Versicherten allerdings deutlich höhere Tagesdosen. Ab dem 79. Lebensjahr ist bei GKV-Versicherten ein Rückgang der Pro-Kopf-Tagesdosen zu erkennen während in der PKV erst ab dem 89. Lebensjahr ein Absinken beobachtet werden kann.
Über die hier dargestellten Wirkstoffgruppen hinaus untersuchte das WIP auch den Arzneimittelverbrauch der antithrombotischen Mittel, der Diuretika (Entwässerungsmittel), der Urologika und der Ophthalmika (Augenmittel). Der Vergleich von PKV und GKV erbrachte hier ähnliche Ergebnisse wie die vorgestellten. Dies verweist darauf, dass es sich nicht um zufällige Effekte bei bestimmten Wirkstoffen, sondern um ein grundsätzliches Muster handeln dürfte.
Die Differenzen in den Tagesdosen zwischen den Versicherten der PKV und der GKV im höheren Alter können zum einen dadurch entstehen, dass pro behandeltem privat Versicherten mehr Tagesdosen verschrieben werden. Zum anderen kann dies aber auch daran liegen, dass in der PKV ein größerer Anteil der Versicherten Medikamente erhält.
Der Unterschied bei den Hochbetagten könnte seine Ursache in einer Begrenzung der Versorgung von Kassenpatienten infolge von Budgetierungsmaßnahmen haben. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass in der PKV Effekte von Überversorgung feststellbar sind. Beantwortet werden könnte dies nur unter Berücksichtigung von indikationsspezifischen Bedarfsprofilen.
Die Untersuchung des WIP zeigt bei den betrachteten Wirkstoffgruppen einen sehr engen Zusammenhang zwischen der Zahl der Tagesdosen und dem Alter der Versicherten auf. Im jüngeren und mittleren Versichertenalter nehmen die dargestellten Kurven von PKV und GKV einen sehr ähnlichen Verlauf. Allerdings ist anzunehmen, dass in diesem Altersbereich ein größerer Teil der Arzneimittelrechnungen von privat Versicherten nicht zur Erstattung eingereicht wird und deshalb auch nicht ausgewertet werden kann.
Für die hohen Lebensalter kann ein erheblicher Unterschied zwischen der PKV und der GKV ermittelt werden. Hier entfallen auf einen privat Krankenversicherten bei beiden untersuchten Wirkstoffgruppen deutlich mehr Tagesdosen an Medikamenten.
wiDie ausführliche Fassung der Untersuchung ist als Diskussionspapier 7/07 im Internet unter www.wip-pkv.de abrufbar.