GASTKOMMENTAR
Verbeserung in aller Munde
In der Dentalmedizin greift der Paradigmenwechsel vom Zahnersatz zur Zahnerhaltung - zumindest bei der Karies. Weniger zufriedenstellend ist die Lage bei den Parodontal-Erkrankungen. Von Dr. Thomas Neumann
Die Mundgesundheit der deutschen Bevölkerung hat sich in den letzten 30 Jahren stark verbessert. Bis in die 90er Jahre hinein konnte dies nur für Kinder, Jugendliche und Erwachsene bis zum 25. Lebensjahr festgestellt werden. Seit Mitte des gegenwärtigen Jahrzehnts zeigt sich erstmalig auch eine deutliche Verbesserung der Zahngesundheit bei Erwachsenen im mittleren Alter und bei Senioren.
Die Anzahl kariesfreier Gebisse bei 3- bis 6-jährigen Kindern hat sich seit Ende der 70er Jahre von 10 auf rund 65 Prozent erhöht. Allerdings gibt es in verschiedenen Regionen Anzeichen für einen Wiederanstieg der Milchzahnkaries. Um dies zu verhindern, bedarf es intensivierter Maßnahmen in Kindertagesstätten und Kindergärten. Außerdem sollten zahnmedizinische Aspekte bereits in die Schwangerenberatung mit einbezogen werden. Hebammen, Krankenschwestern, Gynäkologen und Kinderärzte sowie Mütterberatungsstellen sind Ansprechpartner für eine frühestmögliche Prävention.
Der Milchzahnkariesbefall der Schulanfänger sank innerhalb eines Jahrzehnts (1994 bis 2004) moderat, wobei er ebenfalls in einigen Bundesländern (Berlin, Thüringen, Brandenburg) Tendenzen zum Wiederanstieg erkennen läßt. Mit einer durchschnittlichen Anzahl von 0,7 kariösen, fehlenden oder gefüllten Zähnen im bleibenden Gebiss ist Deutschland im Jahr 2005 bei den 12-Jährigen Spitzenreiter in der Zahngesundheit unter allen entwickelten Industrieländern. Im Acht-Jahres-Vergleich mit 1997 betrug der Kariesrückgang 59 Prozent.
Erstmalig konnte 2005 auch bei 35- bis 44-Jährigen ein signifikanter Rückgang des Kariesbefalls festgestellt werden. Auch bei den Senioren (65- bis 74-Jährige) ging die Kariesbelastung erstmalig leicht zurück. Die Anzahl verbliebener eigener Zähne stieg von 10,4 (1997) auf 13,9 (2005).
Diese Daten zeigen, dass der Paradigmenwechsel von der Spätversorgung (Zahnersatz) zur Prävention und Zahnerhaltung immer stärker greift. Allerdings haben sich bei Parodontal-Erkrankungen seit 1997 keine Verbesserungen ergeben. Knapp drei Viertel der Erwachsenen im mittleren Alter weisen entzündliche Parodontal-Erkrankungen mit Zahnfleischtaschen auf. Aktuell ist die Parodontitislast erheblich höher als in den USA und Australien. Zur Verringerung dieser unbefriedigenden Situation sind vor allem breitenwirksame Aufklärungskampagnen zur individuellen Parodontal-Prophylaxe erforderlich.
Die erheblichen Verbesserungen des Zahnbestands in allen Altersklassen dürften zukünftig die bisherigen Schwerpunktverlagerungen im zahnärztlichen Behandlungsspektrum weiter verstärken und insgesamt Behandlungsrückgänge im zahnmedizinischen Sektor bewirken. Zwar werden (parodontal-) prophylaktische Maßnahmen für Erwachsene zunehmen. Prothetische Versorgungen dürften dagegen in Zukunft anteilsmäßig zurückgehen.
Ausführliches zu diesem Thema in dem von Dr. Neumann mitverfassten Fachbuch „Zahnmedizinische Versorgung in Deutschland. Mundgesundheit und Versorgungsqualität – eine kritische Bestandsaufnahme“ (Huber-Verlag, 2009).
ist Diplom-Volkswirt und leitet das Referat „Vertragszahnärztliche Versorgung“ im Bundesministerium für Gesundheit.