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PKV PUBLIK AUSGABE 8/2009

TITEL

Hand aufs Herz

Die persönliche Einstellung der Ärzte zum Thema Organspende

Ärzte haben eine Schlüsselfunktion bei der Aufklärung über Organspende, leiden aber selbst unter einem Mangel an Informationen. Dies ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid unter niedergelassenen Allgemeinmedizinern und Fachärzten im Auftrag des PKV-Verbandes und der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO).


„Rund 12.000 Menschen warten auf ein lebensrettendes Spenderorgan, drei davon sterben täglich, weil es immer noch nicht genügend Organspenden gibt“, so Prof. Dr. Jürgen Fritze, Leitender Verbandsarzt der PKV. Die aktuelle Umfrage zeige, welche Schlüsselrolle den Hausärzten zur Steigerung der Organspendebereitschaft zukomme: 78 Prozent der Befragten schätzen ihren Einfluss auf die Steigerung der Organspendebereitschaft hoch ein. Dabei hat bereits jeder zweite Arzt selbst einen Organspendeausweis.


„Wir brauchen noch mehr Ärzte, die ihre Patienten über die Organspende aufklären. Dabei ist es wichtig, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen: Die Studie zeigt auch, dass diejenigen Ärzte, die selbst Organspender sind, ihre Patienten gezielt über die Spendemöglichkeiten informieren“, so Prof. Fritze. Bei Medizinern, die selbst einen Organspendeausweis besitzen, liegt der Anteil derjenigen, die in ihren Praxen Informationsmaterial zur Organspende anbieten, bei 74 Prozent. Dagegen stellen nur 37 Prozent der Ärzte ohne Ausweis ihren Patienten entsprechende Informationen zur Verfügung. „Hier schlummert enormes Potenzial“, so der Leitende PKV-Verbandsarzt.


Für Prof. Dr. Günter Kirste, Medizinischer Vorstand der DSO, lässt sich aus der Umfrage ein Paradigmenwechsel innerhalb der Ärzteschaft ableiten. Die Mediziner sagten inzwischen „Ja“ zur Organspende, konstatierte der Transplantationsmediziner. „Das ist eine neue Aussage, die hatten wir vor vielen Jahren, zu Beginn des Transplantationsgesetzes, in dieser Form noch nicht.“


Hausärzte als Botschafter für Organspende gewinnen

Die DSO will nunmehr insbesondere die Hausärzte als Ratgeber gewinnen. „Ein Knackpunkt besteht darin, dass die Ärzte die Organspendebereitschaft der Menschen anscheinend viel niedriger einschätzen, als sie tatsächlich ist“, erklärt Prof. Dr. Kirste. „Dabei gilt auch hier: Nur wer selbst informiert und überzeugt ist, kann das Thema Organspende offen bei seinen Patientinnen und Patienten ansprechen und damit wertvolle Überzeugungsarbeit leisten.“


„Die niedergelassenen Ärzte können wichtige Impulse geben, indem sie Informationsmaterial und Organspendeausweise auslegen und als kompetente Ansprechpartner zur Verfügung stehen“, unterstreicht Dr. Thomas Beck, Kaufmännischer Vorstand der DSO. Nun wolle man gemeinsam mit den wichtigen Ärzteverbänden Konzepte entwickeln, um die Ärzte durch Fortbildungen und Schulungsmaterial besser über Organspende zu informieren sowie in der Aufklärungsarbeit gegenüber ihren Patienten stärker zu unterstützen.


Ärzte wähnen Bürger schlecht informiert, sich selbst aber auch

Die DSO selbst wird der Umfrage zufolge von den Medizinern als die am meisten geschätzte Informationsquelle in Sachen Organspende eingestuft. Über die Hälfte (51 Prozent) fühlt sich von der DSO gut über das Thema informiert, gefolgt von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (34 Prozent) und den Medien (28 Prozent). Allerdings haben nur 23 Prozent der befragten Ärzte an einer einschlägigen Fortbildungsveranstaltung teilgenommen. Lediglich 11 Prozent der Mediziner sprechen ihre Patienten häufig auf das Thema Organspende an, 61 Prozent nur in Einzelfällen und 28 Prozent überhaupt nicht. Die Allgemeinmediziner, die selbst einen Organspendeausweis haben, setzen sich mit 84 Prozent am stärksten durch aktive Patientenansprache für eine Aufklärung ein.


Für die im internationalen Vergleich relativ niedrige Rate an postmortalen Organspenden in Deutschland gibt es aus Sicht der befragten Ärzte mehrere Gründe: 95 Prozent der befragten Ärzte sehen die Ursache in der mangelnden Information der Bevölkerung. Annähernd genau so viele (94 Prozent) machen die Ängste der Bürger dafür verantwortlich. Mehr als zwei Drittel (71 Prozent) der Befragten beklagen, dass die Ärzteschaft selbst nicht ausreichend informiert sei.


Die Spendebereitschaft in Deutschland ist prinzipiell hoch

Über die Hälfte der Mediziner glaubt, dass es in der Bevölkerung eine grundsätzliche Ablehnung gegenüber Organspende gibt – was allerdings eine völlige Fehleinschätzung ist. Rund zwei Drittel der Bundesbürger wären nämlich nach eigenen Angaben einverstanden, ihre Organe nach dem Tod zu spenden, so eine Umfrage von TNS Healthcare im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung von 2008. Allerdings haben lediglich 17 Prozent ihren Willen in einem Organspendeausweis dokumentiert. Diese Lücke gilt es zu schließen.


Die Ergebnisse der aktuellen Ärztebefragung zeigen deutlich, dass dabei den niedergelassenen Ärzten auch aus Sicht der Bürger eine Schlüsselrolle zukommt. Für 76 Prozent der Bürger ist der Arzt bevorzugter Gesprächspartner zum Thema Organspende, erst dann folgen Ehepartner und Angehörige mit 50 Prozent.


„Wir brauchen dringend mehr Organspenden in Deutschland“

„Es braucht eigentlich nur einen kleinen Kick, damit sich jene zwei Drittel der Bevölkerung, die zur Spende bereit sind, auch einen Organspendeausweis zulegen“, sagt PKV-Experte Jürgen Fritze. Der Ausweis ist eine der Voraussetzungen für eine Organspende. Menschen ab dem 16. Lebensjahr können damit ihr Einverständnis geben, nach ihrem Hirntod ein oder mehrere Organe zu spenden. Transplantiert werden können Herz, Lunge, Niere, Leber, Darm und Bauchspeicheldrüse sowie Gewebe wie die Hornhaut des Auges und die Haut. Einen Organspendeausweis zum Ausdrucken findet man unter anderem auf den Internetseiten des Verbandes der privaten Krankenversicherung e.V. unter www.pkv.de.


DSO-Vorstand Günter Kirste bewertet die Situation der Organspende in Deutschland kritisch: „Jährlich sterben in Deutschland rund 1.000 Patienten auf der Warteliste für ein Organ. Nierenpatienten warten durchschnittlich fünf bis sechs Jahre auf eine Transplantation. Zwar sind in den ersten sechs Monaten dieses Jahres die Organspendezahlen wieder gestiegen, der Höchststand von 2007 konnte jedoch nicht erreicht werden.“ Bundesweit haben 623 Menschen im ersten Halbjahr nach ihrem Tod Organe gespendet. In den ersten sechs Monaten 2009 wurden 2.047 Transplantationen durchgeführt, im ersten Halbjahr 2008 waren es nur 1.984.


Die Anzahl der Spenden durch geeignete Strukturen erhöhen

„Es wäre falsch, den leichten Aufwärtstrend zu optimistisch einzuschätzen“, so Kirste. Erst am Jahresende werde sich zeigen, ob sich die Organspendezahlen stabilisieren und kontinuierlich steigen. Es müsse daher weiterhin alles getan werden, um den schwerkranken Patienten auf der Warteliste zu helfen: „Die Anzahl der Spenden in Deutschland ließe sich laut unserer Studien durch geeignete Strukturen verdoppeln.“


Das spanische Erfolgsmodell

Als Erfolgsmodell für eine Steigerung der Organspenden wird seit Jahren immer wieder Spanien mit 34 Spendern pro eine Million Einwohner genannt, in Deutschland sind es nur 15. Inzwischen ist das spanische Modell vielfach beobachtet und analysiert worden. Der Erfolg des Systems liegt dabei in der übergeordneten Zuständigkeit der Spendeorganisation für die Bereiche Spendererkennung, Spenderbehandlung, Gesprächsführung mit den Angehörigen sowie der Organisation aller Abläufe. In jedem relevanten Krankenhaus werden Beauftragte als Teil der Spendeorganisation bestellt.


Nach Einschätzung der DSO liegt ein wesentlicher Schlüssel für eine Verbesserung der Organspendesituation in Deutschland in der Schaffung dieser strukturellen Voraussetzungen. Eine Aufnahme der Verpflichtung zur Organspende als verbindliches Kriterium für die Bewertung der Klinikqualität hält der Kaufmännische Vorstand der DSO, Dr. Thomas Beck, „für längst überfällig. Es nützt nichts, immer wieder auf die spanischen Erfolge hinzuweisen. Wir müssen das Modell hier in Deutschland wollen und umsetzen.“


Die Kompetenzen der DSO als bundesweite Koordinierungsstelle müssten maßgeblich gestärkt und ausgeweitet werden. Die Stiftung wolle nicht länger als Bittsteller dastehen. Organspende müsse für alle Beteiligten zur Selbstverständlichkeit werden. Das sei die Gesellschaft jenen 12.000 Menschen schuldig, die zwischen Hoffnung und Verzweiflung auf ein lebensrettendes Organ warteten.


Weitere Informationen zur Befragung der Ärzte unter www.pkv.de/presse.

Deutsche Stiftung Organtransplantation

Seit 25 Jahren ist die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) erster Ansprechpartner in Fragen der Organspende. Die DSO sichert die Einhaltung und Umsetzung des Transplantations- gesetzes, unterstützt die über 1.400 Krankenhäuser im Organspendeprozess und stimmt die Zusammenarbeit mit der internationalen Vermittlungsstelle für Spenderorgane (Eurotransplant, Niederlande) sowie mit den rund 50 Transplantationszentren in Deutschland ab. Die DSO optimiert die Organspende kontinuierlich. Dazu gehören die Entwicklung eines zentralen Informationssystems, Fortbildungsprogramme für Krankenhausmitarbeiter sowie ein Ausbildungskonzept für Angehörigenbetreuer. Seit dem Start der Initiative „Fürs Leben. Für Organspende“ im Juni 2008 ist die Information der Bevölkerung eine weitere zentrale Aufgabe der Stiftung.

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Interview

Foto Dr. Thomas Beck

Das Interview mit Dr. Thomas Beck, Kaufmännischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation, lesen Sie hier.