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PKV PUBLIK AUSGABE 5/2010

DIALOG

Im Gespräch: Christa Stewens

„Wir müssen uns den Realitäten einer alternden Gesellschaft ganz anders stellen“


Christa Stewens, Vorsitzende des Stiftungsrates des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP), über die Aufgaben der neu gegründeten Stiftung, die Realitäten einer alternden Gesellschaft und die ­Lebensvorstellungen älterer Menschen.

Frau Stewens, was hat Sie dazu bewogen, den Vorsitz des Stiftungsrates im neuen „Zentrum für Qualität in der Pflege“ (ZQP) zu übernehmen?


Stewens: Als ich vor circa zehn Jahren Sozialministerin in Bayern wurde, habe ich mich von Anfang an sehr stark um die Qualität der Pflege gekümmert, und zwar sowohl der häuslichen Pflege als auch der stationären Pflege. So war ich die erste Ministerin, die unangemeldete Kontrollen von Pflegeheimen angeordnet hat. Ohnehin ist die Politik für die ältere Bevölkerung immer ein ganz wichtiger Punkt in meinem politischen Leben gewesen. Nach meiner Überzeugung ist das für Deutschland ein Stück Zukunftspolitik, schon allein vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung des Landes – also dass wir zu wenig Kinder haben und immer älter werden. Wir müssen uns den Realitäten einer alternden Gesellschaft ganz anders stellen.


Was ist das Besondere an der neuen Stiftung?


Stewens: Das „Zentrum für Qualität in der Pflege“ ist die einzige derartige Einrichtung in Deutschland, die multidisziplinär und berufsgruppenübergreifend ausgerichtet ist. In seine Arbeit bindet es ausgewiesene Experten aus Pflegepraxis und Wissenschaft sowie Verbraucher- und Patienten­organisationen ein. Das ZQP ist gemeinnützig und unabhängig. Wir nehmen die Voraussetzungen für die Lebensqualität der älteren Menschen insgesamt unter die Lupe, völlig unabhängig davon, ob sie privat oder gesetzlich versichert sind. Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten stellen wir kostenlos allen Menschen, allen Politikern, allen Institutionen zur Verfügung. Wir wollen als ZQP mit unseren Forschungsergebnissen die Politik beraten. Und wir wollen gezielt auch in Bereichen forschen, die bisher etwas vernachlässigt worden sind. Das ZQP wird also einen Mehrwert für die ganze Gesellschaft schaffen.


In welchen Bereichen der Pflegeforschung sehen Sie Lücken?


Stewens: Es gibt zum Beispiel kaum Forschung darüber, was die konkreten Lebensvorstellungen älterer Menschen sind. Was sind tatsächlich die Wünsche und Sehnsüchte der Menschen, die zuhause gepflegt werden oder die in Heimen sind? Wie wollen sie gepflegt werden? Bei diesen Fragen tappen viele Politiker noch im Dunkeln. Vor diesem Hintergrund wollen wir den Entscheidern in der Politik gute Informationen liefern, was sich ältere Menschen für ihre Versorgung im Alter tatsächlich wünschen.


Die Stiftung ZQP ist vom Verband der privaten Krankenversicherung (PKV) gegründet und finanziert worden. Da könnte mancher auf die Idee kommen, das Zentrum solle letztlich vor allem den Interessen der PKV dienen. Wie wird die Unabhängigkeit der Stiftungsarbeit gewährleistet?


Stewens: Wir sind eine gemeinnützige Stiftung, erfüllen also klare rechtliche Vorgaben. Und wir sind völlig unabhängig. Wie Sie richtig sagen, bekommen wir das Geld für unsere Arbeit vom PKV-Verband, aber unser Stiftungszweck ist eindeutig, einen Mehrwert für die ganze Gesellschaft zu schaffen, indem wir die Situation der alternden Gesellschaft in Deutschland insgesamt unter die Lupe nehmen wollen. Die Unabhängigkeit ist bereits durch den in unserer Satzung bestimmten Stiftungszweck manifestiert. Wir sind völlig frei von Weisungen durch die PKV oder andere. Wir haben als Gremien den Stiftungsrat, dessen Vorsitzende ich bin. Wir haben zudem zwei Beratergremien mit namhaften Wissenschaftlern, die mit uns über die zu vergebenden Forschungsaufträge beraten und auch die Qualität und Unabhängigkeit der Ergebnisse sichern.


Welche Schwerpunkte haben die ersten Forschungsprojekte, die das ZQP fördert, oder gibt es sogar schon erste Ergebnisse?


Stewens: Es gibt eine bereits veröffentlichte Studie zur häuslichen Pflege, die auch breite öffentliche Beachtung gefunden hat. Dieses Thema ist bis heute immer noch eine Grauzone. Die Politik hat sich bisher vorrangig um die Qualität der stationären Pflege gekümmert. Deshalb haben wir bewusst unsere ersten Studien auf die häusliche Pflege ausgerichtet. Inzwischen haben wir eine weitere Befragung zur Organisation der häuslichen Pflege durchgeführt, deren Ergebnisse wir in Kürze veröffentlichen können.


Wie definiert denn das ZQP die Qualität in der Pflege?


Stewens: Schon an der aktuellen politischen Debatte über den „Pflege-TÜV“ sehen Sie, wie schwer es ist, Qualität in der Pflege tatsächlich zu definieren. Deswegen haben wir einen umfassenderen Qualitätsbegriff und einen multidisziplinären Ansatz gewählt. Wir nehmen das gesamte Lebensumfeld des alternden und des pflegebedürftigen Menschen in den Blick. Dazu gehören die Angehörigen, dazu gehört das Ehrenamt, dazu gehören die Pflegekräfte, die medizinische Versorgung, die Fachärzte für Geriatrie oder Psychiatrie, um nur einige Bereiche zu nennen.


Eine Versichertenbefragung der privaten Pflegeberatung COMPASS hat gezeigt, dass die älteren Menschen zu über 90 Prozent eindeutig und unbedingt in ihrer häuslichen Umgebung gepflegt werden wollen. Ist das auch Ihre Erfahrung?


Stewens: Wir können davon ausgehen, dass fast 100 Prozent der Menschen möglichst lange selbstständig in den eigenen vier Wänden wohnen wollen. Daher ist es wichtig, die politischen Rahmenbedingungen so zu setzen, aber auch die persönlichen. Das fängt dann beispielsweise schon bei den 55- oder 60-Jährigen an, die viel für ihre körperliche Fitness tun können – und müssen, damit sie dieses Ziel auch verwirklichen können. Das bedeutet aber auch, dass die Rahmenbedingungen im familiären Umfeld stimmen müssen, dass man Wohnungen altengerecht umbauen muss. Es bedeutet für die Städte und Gemeinden, dass sie prüfen müssen, was sie in ihrem Gebiet alles ändern müssen, damit ältere Menschen mit ambulanten Hilfen möglichst lange zu Hause leben können.


Waren die Pflegepolitik und die Pflegeforschung bisher zu stark einseitig auf die stationäre Pflege ausgerichtet?


Stewens: Auf jeden Fall. Man hat bislang stark auf diesen Bereich geachtet, auch weil die stationäre Pflege ein fest definierter Bereich ist, während es bei der häuslichen Pflege natürlich vielfältiger und unübersichtlicher wird. Inzwischen bewegt sich schon einiges in Deutschland, aber der Blick muss noch weiter geöffnet werden auf die vielen Lebenssituationen einer älter werdenden Gesellschaft. Dieser Aufgabe will sich auch das ZQP stellen. Da sind wir dran.

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Christa Stewens

Vorsitzende des Stiftungsrates des ZQP und Mitglied des Bayerischen Landtages. Bis 2008 war sie Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen